Zeitung Heute : Anderthalb Stunden Einigkeit

Der Tagesspiegel

Von Andrea Nüsse

Ein historischer Gipfel war angekündigt: Die arabischen Staaten wollten Israel ein kollektives Friedensangebot machen – und mit einer Stimme sprechen. Die persönlichen und politischen Rivalitäten zwischen den Königen, Emiren, Scheichs und Staatspräsidenten, die die Arabische Liga seit 50 Jahren charakterisieren, sollten diesmal in den Hintergrund treten.

Die arabischen Staaten, so die geplante Botschaft, haben die veränderte Weltlage nach dem 11. September begriffen und sind zu konstruktiver Politik fähig. Seit Wochen wurde an den Formulierungen für das Friedensangebot gefeilt. Bis zum Montag schien allein unsicher zu sein, ob Palästinenserpräsident Jassir Arafat am Gipfel teilnimmt. Der arabische und amerikanische Druck auf Israel reichte dazu nicht. Trotz dieses Affronts blieben die arabischen Führer dabei: Sie wollen Israel eine politische Vision anbieten. Der neue Realismus sollte siegen.

Nur wenige Stunden später schien alles wieder auf der Kippe. Erst sagte Ägyptens Präsident Hosni Mubarak seine Reise nach Beirut ab, angeblich aus innenpolitischen Gründen. Am nächsten Morgen folgte ihm der jordanische König Abdallah II. Hinweisen auf einen möglichen Anschlag der islamistischen Hisbollah auf die Staatschefs, die zu den engsten Verbündeten Amerikas in der Region gehören, machten die Runde. Arabischer Terror stellt die Teilnahme arabischer Präsidenten an einem Arabischen Gipfel in Frage. Oder war die Absage ein Protest, dass die USA sich nicht genug für Arafats Teilnahme eingesetzt haben, wie es später heißt? Allerdings haben Mubarak und Abdallah II. damit auch den libanesischen Gastgeber Emile Lahoud und den saudischen Kronprinzen Abdallah düpiert, der seine Friedensinitiative beim Gipfel präsentiert.

Die Anwesenden demonstrierten Normalität, gingen nach der Eröffnungszeremonie in moderatem Ton an die Arbeit. Der saudische Kronprinz wandte sich direkt an das israelische Volk und versprach ihm Frieden, wenn die israelische Staatsführung seine „Politik der Unterdrückung“ beende, die 1967 besetzten Gebiete zurückgebe, einen Palästinenserstaat mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem akzeptiere und die Flüchtlingsfrage geregelt werde. Der syrische Präsident Bashar Al-Asad hielt eine seiner üblichen ausschweifenden Reden, schien aber den arabischen Friedensplan auch nicht zu blockieren.

Doch der neue arabische Realismus hielt zunächst nur anderthalb Stunden. Nach Asad sollte Jassir Arafat aus Ramallah per Videoschaltung live zu Wort kommen. Im Fernsehen konnte man auf einem gesplitteten Bildschirm bereits während der Rede des Syrers den geduldig in seinem Büro wartenden Arafat beobachten. Doch dann brach der libanesische Präsident Lahoud abrupt die Sitzung ab. Auch ein Protest des irakischen Vertreters konnte daran nichts ändern. Angeblich war es aus technischen Gründen nicht möglich, Arafat live in den Konferenzraum zu schalten. Der pan-arabische Fernsehsender hatte diese Probleme nicht, er ließ Arafat zu Wort kommen. Die palästinensische Delegation weigerte sich daraufhin, wieder am Konferenztisch Platz zu nehmen, solange Arafat nicht zu Wort kommen darf, und verlangte eine offizielle Erklärung der Libanesen für den Vorfall. Gerüchten zufolge erwägen auch andere Delegationen, darunter die saudische, die Abreise.

So debattierten die arabischen Staaten bei ihrem historischen Gipfel in Beirut plötzlich nicht mehr darüber, was genau sie für die palästinensischen Flüchtlinge fordern wollen – einer der noch offenen Punkte zu Beginn des Treffens. Ein Fiasko schien sich anzubahnen.

Doch in der arabischen Welt ist man vor Überraschungen nie sicher. Es gibt ja noch einen zweiten Gipfeltag – den heutigen Donnerstag. Vielleicht wird ja doch noch ein Friedensplan verabschiedet. Nur: Welches Gewicht kann ein solches Papier noch haben – nach diesem arabischen Gipfeltheater vor 2000 Journalisten aus aller Welt?

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