Zeitung Heute : Andrang bei Hofe

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„Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder ham“ heißt es im Gassenhauer, und am Sonntag war es so. Unzählige machten gestern Wilhelm Zwo ihre Aufwartung – und nahmen eisigen Wind und Schnee in Kauf. Auch lange Wartezeiten, hing doch Majestät in Öl im so genannten Kaisersaal, und der hatte Tag der offenen Tür. Die erste galt es in der Bellevuestraße 1 zu passieren. Das ist der Eingang zu der von Sony restaurierten historischen Pracht aus dem ehemaligen Grand Hotel Esplanade. In dem feierte einst Kaiser Wilhelm II. seine Herrenabende – auf dem Weg zum Festsaal musste er einen Vorraum passieren, in dem der letzte deutsche Kaiser als Gemälde überm Kamin hing, seitdem ist das der „ Kaisersaal“.

Gestern ging es nur schubweise dorthin. Wie draußen vor der Tür schlängelte es sich auch drinnen nur meterweise vorwärts, durch den Silber- und den Palmensaal, zu den Salons und vorbei an „Ö rtchen“, von denen eine Besucherin wissen wollte, dass sie „noch original“ sind. Falsch: Nur das für die „Monsieurs“, das für die „Dames“ nicht. Weder gab es damals neben dem „Kaisersaal“ eine Damentoilette, noch waren deren Benutzerinnen bei Herrenabenden erlaubt.

Heute darf jeder in den Kaisersaal – Heidi Hetzer will im Sommer dort ihren „65.“ feiern. „Richtig aufgeregt“ sei sie, dass er endlich fertig ist, sagte sie zur Gala am Sonnabend und saß schon mal Probe, wo es aber noch nichts zu essen und zu trinken gab, erst ab heute jeder seine Euros lassen kann. Damit die auch rollen, hatte „Kaisersaal“-Betreiber Josef Laggner am Sonnabend zu einem „Galeempfang“ geladen. Die Auswahl der Gäste war dabei weniger vom Glanz- und Glamourprinzip bestimmt – Mich�le, die Frau von Dieter Senoner aus der Senatskanzlei hatte sich mit französischem Schick mit ihrem Look dem 1908 erbauten Grand Hotels angepasst – als mehr von potentiellen künftigen Kunden.

Der Empfang für 1200 Personen gegen je zwei Euro Garderobengebühr verlief wie eine Immobilienbesichtigung und fast wie ein Tag der offenen Tür. Mit einer Ausnahme – gestern irrte niemand ziellos durchs Gewühl und fragte ebenso ratlose Kellner: „Wo ist der Kaisersaal?“. Am Sonntag führte nur ein Weg dorthin, der in der Schlange. Und die endete irgendwann dort, wo der Kaiser zwar nie tafelte, aber aufgehängt wurde. Und da staute sich dann alles und bestaunte ehrfürchtig die Pracht – dass alles fein liegen blieb, beaufsichtigte einer aus der Sicherheitstruppe von Ahmed Mohammed. Der ist Deutschlands bekanntester Bodyguard und war zur Gala fast ein VIP.

hema

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