Andrea Nahles : Die Lückenfüllerin

Manche sagen, sie sei die heimliche Parteichefin der Sozialdemokraten. Manche vergleichen sie schon mit Angela Merkel. Wie viel Macht hat Andrea Nahles?

Stephan Haselberger
Nahles
Eiskalte Königsmörderin? Andrea Nahles im Bundestag. -Foto: dpa

Eines verbindet Angela Merkel, Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende, mit Andrea Nahles, der stellvertretenden SPDChefin und linken Flügelfrau. Beide haben die Kämpfe auf dem Weg an die Spitze ihrer Parteien mit Härte geführt. Zurück blieben männliche Machtmenschen in ungewohnter Opferrolle. Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und Friedrich Merz auf Seiten der CDU. Franz Müntefering bei der SPD. Merkel galt in Teilen der Union denn auch lange als männermordende Politkarrieristin, bevor sich das Bild wandelte und die Bundeskanzlerin in der allgemeinen Wahrnehmung zur charmant-entschlossenen Staatslenkerin wurde. So weit ist Andrea Nahles noch lange nicht.

Der 37-Jährigen hängt in der SPD wie in der Öffentlichkeit noch immer das Image der eiskalten Königsmörderin an. Es heißt, sie habe mit ihrer Bewerbung um das Amt des SPD-Generalsekretärs gegen Münteferings Favoriten Kajo Wasserhövel den Parteivorsitzenden absichtsvoll gestürzt. Dass auch Sozialdemokraten vom rechten SPD-Flügel, etwa der heutige Umweltminister Sigmar Gabriel ihre Kandidatur seinerzeit unterstützt hatten, und dass für viele der beteiligten Genossen im damaligen SPD-Vorstand ein Rücktritt Münteferings keineswegs absehbar war – das alles passt freilich nicht zur Boulevardgeschichte von der „Münte-Meuchlerin“ („Bild“).

Dennoch steht Nahles in ihrer eigenen Partei seit dem Rücktritt Münteferings unter latentem Putschistenverdacht. Mit der Nominierung von Gesine Schwan zur Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten hat sich dieser Verdacht bestätigt, jedenfalls für die Genossen vom rechten SPD-Flügel. Von der „heimlichen SPD-Vorsitzenden“ ist die Rede, die den amtierenden Parteichef Kurt Beck am Gängelband führe und seine Stellvertreter Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier ausbremse. Angela Merkel hat diese Kritik am Dienstag vor der Unionsfraktion dankbar aufgegriffen und noch einmal verstärkt. Teilnehmer zitierten die CDU-Vorsitzende mit dem Satz: „Manchmal weiß man gar nicht mehr, wen man morgens anrufen soll. Den Übergangsvorstand oder gleich Frau Nahles?“

Tatsächlich hat Andrea Nahles den Kurswechsel der SPD-Spitze in der Präsidentschaftskandidatenfrage mit erzwungen. Richtig ist auch, dass der Rest der SPD-Führungsriege lieber das Risiko eine eigenen Kandidatur gemieden und Amtsinhaber Horst Köhler unterstützt hätte. Doch während Beck, Steinmeier und Steinbrück sowie Fraktionschef Peter Struck und Generalsekretär Hubertus Heil den Verzicht auf einen eigenen Kandidaten für ausgemachte Sache hielten, führte Gesine Schwan eine Kampagne in eigener Sache. Unterstützung erhielt sie unter anderem von SPD-Netzwerker Sebastian Edathy sowie von der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen und deren Vorsitzender Elke Ferner. Und auch von Andrea Nahles. Die ehemalige Juso-Vorsitzende wusste um die Sehnsucht der mittleren Funktionärsschicht nach einer Demonstration des Selbstbewusstseins der Sozialdemokratie in der großen Koalition. Öffentlich brachte sie eine Frau als Gegenkandidatin zu Köhler ins Spiel, angeblich ohne jede Absprache mit Beck. Dann kam die Parteiführung am Wochenende nach Pfingsten zu einer Klausur in Potsdam zusammen. Nahles und die dem rechten Flügel angehörige Bundesschatzmeisterin Barbara Hendricks machten den Herren klar, dass die Rufe in der Partei nach Gesine Schwan nicht so schnell verstummen würden. Beck schlug vor, die Entscheidung an den Parteivorstand zu delegieren – und damit war die Entscheidung klar.

Wer führt die SPD? Die Frage stellt sich nach dem Hin und Her um die Präsidentschaftskandidatur und den neuerlichen Angriffen von Ex-Parteichef Müntefering auf Parteichef Beck drängender denn je. Die politische Führung Deutschlands sei „weitgehend vakant“ ätzt der Vizekanzler außer Dienst. Müntefering lehnt Beck auch deshalb als SPD-Chef ab, weil er ihn für zu schwach hält, den linken Flügel der SPD in Schach zu halten, dem er eine permanente Oppositionssehnsucht unterstellt. Womit wir wieder bei Andrea Nahles wären. Heimliche Chefin der Sozialdemokratie? Wahrscheinlich verhält es sich so: Nahles’ Stärke speist sich aus einem über Jahre aufgebauten Netzwerk in der Partei, aus der Mehrheit des linken Flügels im Parteivorstand, vor allem aber aus der Schwäche ihrer männlichen Spitzengenossen. Es war Franz Müntefering, der Nahles einmal attestiert hat: „Die kann Partei.“ Über ihre Kollegen als Vizevorsitzende, die renommierten Minister Steinmeier und Steinbrück, lässt sich das derzeit ebenso wenig sagen wie über den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck.

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