Zeitung Heute : Andrea Nahles?

Tissy Bruns

„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Andrea Nahles (SPD) könnte nach der Wahl vielleicht stellvertretende Parteivorsitzende werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: Im Willy-Brandt-Haus gibt es viele Stellvertreter – das war nicht immer so. Die Zahl von Franz Münteferings Vize-Vorsitzenden hat sich von Parteitag zu Parteitag auf fünf erhöht, aus Gründen von Flügelbalance oder Geschlechterproporz. Wichtiger ist das Stellvertreter-Amt dadurch nicht geworden, im Gegenteil. Wer im SPD-Präsidium sitzt – wie Andrea Nahles bereits jetzt – hat im Prinzip nicht weniger Einfluss.

Von den amtierenden Stellvertretern hat einer, nämlich Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement, angekündigt, beim nächsten Parteitag im November nicht wieder zu kandidieren. Verbleiben also Kurt Beck, einer der wenigen noch übrig gebliebenen Ministerpräsidenten der SPD, Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Ute Vogt, SPD-Landeschefin in Baden-Württemberg, die bei der vergangenen Wahl als erste aus der jüngeren SPD-Generation in dieses Amt gewählt worden war. Wie die Stellvertreter-Riege und die Fraktionsführung in Zukunft aussehen werden, wird etwas darüber aussagen, ob die SPD eine zähe Übergangszeit vor sich hat – oder eine beherzte Erneuerung.

AMBITIONEN: Andrea Nahles weiß, dass sie zu den wenigen jungen Politikern gehört, die für die Zukunft der SPD stehen. Die 35-Jährige ist dem Juso-Alter gerade entwachsen. Nach dem 22. Mai, als Bundeskanzler Gerhard Schröder den Weg zu Neuwahlen ankündigte, „wuchs“ nicht nur Nahles sichtlich, sondern auch die auf sie gerichteten Erwartung der SPD. Die Ex-Juso-Chefin zählt zur Parteilinken, aber auch harte SPD-Pragmatiker bescheinigen ihr Realitätssinn und Integrationsfähigkeiten. Beides hat sie bewiesen, als sie den Auftrag übernommen hat, für die SPD ein neues Krankenversicherungskonzept auszuarbeiten: Die Bürgerversicherung ist Nahles’ Reformprojekt. Außerdem hat sie, was in ihrer Generation nicht typisch ist, ein ausgesprochen lebhaftes politisches Temperament – ohne gleichzeitige Neigung zur Egomanie.

AUSSICHTEN: Andrea Nahles wird in der SPD mit Sicherheit aufsteigen, die Frage ist bloß, in welches Amt – und wann. Nahles, Olaf Scholz, Sigmar Gabriel, Matthias Platzeck heißen die (nicht sehr zahlreichen) Hoffnungsträger der SPD. Ob sie zusammenarbeiten oder sich in Machtkämpfe begeben wie seinerzeit die Nachfolger von Willy Brandt – das wird für die SPD entscheidend sein. Nach der Bundestagswahl wird Nahles zudem Abgeordnete sein; es wäre auch möglich, dass sie schnell in die Spitze der SPD-Bundestagsfraktion aufrückt.

WAHRSCHEINLICHKEIT: Nahles’ Weg wird stark davon abhängen, ob sich die SPD nach dem 18. September in der Opposition oder in einer großen Koalition wiederfindet. Aber auch davon, ob diejenigen aus der SPD-Spitze, die ihre Staatsämter verlieren dürften – wie Wolfgang Thierse oder Heidi Wieczorek-Zeul – an ihren Parteiämtern festhalten. Gerhard Schröder hat oft gespottet, dass die Jüngeren sich in die Spitzenämter tragen lassen wollen, statt sich nach oben zu boxen. Das wird sich ändern, wenn er nicht mehr Kanzler ist – Andrea Nahles ist da ohnehin von anderer Mentalität.

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