ANDREAS HOFER WILHELM TELL : Wir sind Helden

Ein Mythos mit Armbrust und ein Taliban aus Tirol: Wer waren Wilhelm Tell und Andreas Hofer? Zwei Wissenschaftler klären auf.

Thomas Ertl

Das Kaiserreich Österreich hatte im Jahr 1805 die Grafschaft Tirol an das mit Napoleon verbündete Bayern abgetreten. Gegen den Willen des Kaisers in Wien kämpften die Tiroler gegen die neuen Herren und besiegten sie in drei Schlachten am Bergisel bei Innsbruck. Ihr Anführer war Andreas Hofer, ein Gastwirt aus dem Südtiroler Passeiertal.

Spätestens bei einem Schulausflug ins Innsbrucker Riesenrundgemälde lernten wir Kinder Tirols den Freiheitskampf dieses Andreas Hofer kennen. Rund 1000 Quadratmeter bemalte Leinwand umhüllen den Betrachter im Inneren der Rotunde und illustrieren die kriegerischen Ereignisse des Jahres 1809.

Das Schlachtenspektakel beeindruckte die meisten von uns, vor allem jene kleinen Ritter und Cowboys, die zu Hause ständig ermahnt wurden, Schwert und Revolver aus der Hand zu legen. Wären da nicht die eigenartigen Trachten, diese vielen Kreuze und Vollbärte gewesen, Andreas Hofer hätte mit unseren ganz großen Helden wie dem Terminator oder dem Herminator mithalten können.

Doch auch so begleitete er unsere Schulzeit. Die Nordtiroler Landeshymne verherrlicht seine Taten, Andreas-Hofer-Straßen und -Denkmäler gehören ebenso zu Innsbruck, Bozen und anderen Tiroler Städten wie die gelegentlichen Aufmärsche traditionsbewusster Schützenverbände, deren Verkleidung jener von 1809 noch sehr ähnlich sieht. In der nicht sonderlich heldenreichen Geschichte Tirols bewahrte sich Andreas Hofer eine Sonderstellung. Zum wirklichen Vorbild wie etwa Claus von Stauffenberg wurde er allerdings nie – es liegt wohl nicht nur am größeren zeitlichen Abstand, dass Tom Cruise lieber in die Uniform von Stauffenberg als in die Tracht von Hofer schlüpft.

Wer sich in Tirol der Schwelle zur Erwachsenenwelt nähert, entdeckt an Andreas Hofer und seinem Kampf zunehmend auch Schattenseiten. Die erfolgreichste Widerstandsbewegung unserer Geschichte richtete sich nämlich nicht gegen eine brutale Diktatur, sondern gegen eine bayerische Obrigkeit, welche die Ideen der Aufklärung ins Land im Gebirge tragen wollte, aber dabei vergaß, auf die bäuerliche Empfindsamkeit Rücksicht zu nehmen. So sollte die Christmette nicht mehr gefeiert werden, Prozessionen wurden verboten und alle Einwohner wurden verpflichtet, sich gegen Pocken impfen zu lassen. Solche Eingriffe in Gottes Ordnung waren schwer zu verdauen. Das Fass lief über, als die Bayern begannen, Tiroler Burschen für Napoleons Kriege einzuziehen. Nun ging ein Ruf durch Wälder und Täler: „Mander s’isch Zeit!“ Zum Glück für uns Tiroler ließ sich das Rad der Zeit selbst in den Bergen nur für einige Monate anhalten.

In unseren Herzen ist Andreas Hofer dennoch fest verankert. Sind wir Tiroler unter uns, mag jeder frei urteilen, selbst wenn der Hofer dabei als „Tiroler Taliban“ schlecht wegkommt. Gegenüber den vielen Nichttirolern lassen wir auf Hofer jedoch nichts kommen. Da schließen sich die Reihen, da zeigt sich, dass wir am Ende doch alle auf des Hofers Seite stehen. Thomas Ertl

Der Autor ist Historiker und stammt aus Innsbruck. Nach seinem Studium in Wien arbeitete er an der Freien Universität Berlin und am Deutschen Historischen Institut in Rom. Seit April lehrt Thomas Ertl Geschichte an der Universität Göttingen. Gerade erschien sein Buch „Seide, Pfeffer und Kanonen. Globalisierung im Mittelalter“.

In der Zeit der Selbstmordattentäter nimmt sich ein Mann, der einen Machthaber aus dem Gebüsch heraus erschießt, nicht mehr besonders sensationell aus. Aber der Mord allein hätte den bäuerlichen Armbrustschützen ja auch nie zur Legende gemacht. Erst aus der Vorgeschichte mit dem Befehl, einen Apfel vom Kopf des eigenen Kindes zu schießen, ergab sich das menschlich bewegende Element. Der gequälte Vater, der aus der privaten Erschütterung heraus zum Revolutionär und Befreier eines ganzen Volkes wird, das war der Stoff, aus dem die Gründungslegende eines Staates gestrickt werden konnte.

Selbst erfunden haben die Schweizer die Story nicht. Sie übernahmen sie aus nordischem Sagengut. Der dänische Historiker Saxo Grammaticus hatte im 12. Jahrhundert die Geschichte vom Schützen Toko aufgezeichnet. Darin waren Apfelschuss und Tyrannenmord bereits breit geschildert. Durch wandernde Gelehrte dürfte der Stoff in die Schweiz gelangt sein. Hier wurde er auf einheimische Belange übertragen zu einem Stück der nationalen Vergangenheit. Noch im frühen 19. Jahrhundert musste im Kanton Uri mit der Todesstrafe rechnen, wer Tells historische Existenz anzweifelte.

Die Ausbildung eines Schatzes von nationalen Heldengeschichten war in der Schweiz ein Produkt der Renaissance. Seit 1470 entstanden große Chroniken, die von eminenter politischer Bedeutung sein sollten. Die Reformation zerriss das Land, und die Mehrsprachigkeit war eine weitere Gefahr für seine Einheit. Tell als nationale Leitfigur spielte in dieser Lage eine entscheidende Rolle. Katholiken und Protestanten lieferten sich blutige Schlachten im Namen ihres Glaubens, dann versöhnten sie sich wieder im Namen Tells. Wann immer die Schweiz bedroht war, beschwor man den Tell. So lebte die Gestalt auch zwischen 1933 und 1945 im allgemeinen Bewusstsein wieder mächtig auf. Kaum war der Krieg vorbei, erschien sie nur noch als kurioses Märchen.

Die Frage nach der historischen Echtheit Tells ist belanglos. Die politische Funktion aber, die er jahrhundertelang für einen vielfach gefährdeten Staat besaß, ist faszinierend. Wo anderswo der König und die Krone ein Reich zusammenhielten, tat dies in der republikanischen Schweiz allein die Gründungslegende um den Rütlischwur und Wilhelm Tell. Daher gab es schon vor Schiller viele Tell-Dramen, das erste 1512, aber keines geriet zu so urweltlicher Wucht wie das Stück aus Weimar. Diese Wucht kam auch dadurch zustande, dass Tell neben dem römischen Tyrannenmörder Brutus eine Leitgestalt der französischen Revolution war. Sein Bild zirkulierte in Paris. Damit schossen für Schiller aktuelle politische Energien in den Stoff – so sehr, dass der Theaterdirektor Iffland vor der ersten Berliner Aufführung kalte Füße bekam und Schiller in einer Geheimaktion zwang, heikle Stellen zu streichen oder zu dämpfen.

Die Schweiz gilt als langweilig. Keine Könige, keine Kolonien, keine Winterfeldzüge, nur grasende Kühe und Hotelbetten. Hübsch für ein Wochenende. In Wahrheit stellte sie immer auch ein politisches Labor dar, misstrauisch bewacht von den Großmächten. Zur Zeit Napoleons III. war sie die einzige Republik auf dem Kontinent. Stets gab es in Europa Stimmen, die dafür plädierten, den politischen Fremdkörper aufzulösen. Schopenhauer fand, man müsse die Schweiz einzig deshalb erhalten, damit die Welt sehen könne, wie abscheulich ein vom Volk regiertes Land sei. Der Weg zu einem modernen Staat erwies sich im 19. Jahrhundert als wilde Abfolge von Umstürzen in den einzelnen Kantonen. Im Zürcher Dialekt hießen diese Machtwechsel „Putsche“. Der Begriff ging in die Weltsprache ein. Gemeinsam mit dem Namen Wilhelm Tell. Peter von Matt

Der Autor wuchs im Kanton Nidwalden auf. Er war Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich und Gastprofessor in Stanford. Zuletzt erschien von ihm 2007 „Der Entflammte. Über Elias Canetti“ sowie der Essayband „Das Wilde und die Ordnung. Zur deutschen Literatur“.

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