Zeitung Heute : „Angela Merkel hat sich nicht ins Bockshorn jagen lassen“

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Kanzler Gerhard Schröder und Herausforderin Angela Merkel trafen bei ihrem TVDuell aufeinander. Herr Decker, wer hat sich besser geschlagen?

Von der Erwartungshaltung her, die es im Vorfeld des Duells gab, hat sich Frau Merkel besser geschlagen. Schröder ist relativ defensiv geblieben. Er verkörperte keinen wirklichen Aufbruch. Angela Merkel hat sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Sie war auch sattelfest in den Details. Schröder war zwar objektiv nicht schlechter als sie, aber gemessen an der Ausgangslage würde ich eher sagen: Punktsieg für Frau Merkel.

Wie war Angela Merkel im Vergleich zu früheren Auftritten?

Man hatte ihr ja vor ein paar Wochen angehängt, dass sie Brutto und Netto verwechselte. Ähnliche Fehler sind ihr diesmal nicht passiert. Sie ist natürlich kein jovialer Typ wie Schröder, wirkte aber lockerer als erwartet. Ich sehe aber auch keine wirklichen Vorteile für ihn auf diesem Gebiet. Sie wirkte relativ glaubwürdig und hat inhaltlich die richtigen Akzente gesetzt.

Konnte denn Gerhard Schröder den Eindruck entkräften, er wolle oder könne gar nicht mehr Kanzler werden?

Das wurde erstaunlicherweise nicht direkt thematisiert. Allerdings wirkte Schröders Siegeszuversicht am Ende nicht wirklich überzeugt.

Welche Fehler haben die beiden Kandidaten jeweils gemacht?

Es gab den einen oder anderen Versprecher, aber das war auf beiden Seiten. Bei Schröder hätte ich eigentlich erwartet, dass er aggressiver auftritt. Mit Merkel musste er jedoch zurückhaltender umgehen als mit einem männlichen Kontrahenten.

Inwiefern hat er sich damit schwerer getan, dass ihm eine Frau gegenüberstand?

Ich würde ihn an seiner Parteitagsrede der vergangenen Woche messen. Damals hatte er stärker versucht, etwaige Widersprüche bei der Union zu thematisieren. Beim Punkt soziale Gerechtigkeit, das heißt auch beim Steuermodell von Kirchhof, konnte er punkten. Ich fand aber, das hat Merkel ganz gut abgeblockt. Da hätte Schröder mehr nachhaken müssen.

Wen haben die Zuschauer besser verstanden?

Da würde ich schon leichte Pluspunkte bei Schröder sehen. Er kommt in dieser Hinsicht besser rüber, er formuliert plakativer. Frau Merkel argumentierte doch teilweise bis ins Detail hinein, das kann von den Zuschauern nicht alles nachvollzogen werden.

Auf was achten die Zuschauer am meisten?

Sie achten schon sehr stark auf Nachdrücklichkeit und Überzeugungskraft. Und nicht unbedingt auf die sachliche Richtigkeit der Argumentation. Da hatte Schröder sicherlich ein leichtes Plus.

Wie wird sich das Duell auf das Wahlergebnis auswirken?

Es kann sein, dass es Schröder nicht wirklich nutzen wird. Denn er ist ja derjenige, der aufholen muss. Es hätte für ihn etwas bringen können, wenn Merkel katastrophal schwach gewesen wäre.

Es wird ja noch ein indirektes zweites Duell geben, in der Runde der Spitzenkandidaten. Kann Gerhard Schröder da noch Boden gut machen?

Das vermute ich. Die Konstellation ist dann etwas günstiger. Er kann dann mit dem rhetorisch noch begabteren Joschka Fischer die ein oder andere Pointe setzen. Da sehe ich gewisse Vorteile bei Rot-Grün. Aber auch das wird vermutlich nicht wahlentscheidend sein.

Frank Decker ist Politikwissenschaftler an der Universität Bonn.

Das Gespräch führte Fabian Leber.

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