Zeitung Heute : Angela Merkel: Im Kraftfeld

Markus Feldenkirchen

Einmal setzt sich die Frau, von der viele sagen, sie könne es nicht, dann doch durch. Irgendwo kurz vor Erfurt, ihr Reisebus hat angehalten. Weiterfahren oder Warten? Da schaut Angela Merkel zuerst raus auf die Plattenbauten, dann auf die Uhr, zögert noch etwas, sagt schließlich: "Wir bleiben noch." Es ist zehn vor drei am Nachmittag. Zu früh also. Erst um drei will sie das Erfurter Arbeitsamt besuchen. "Hat mir meine Mutter beigebracht: Du darfst nicht vorzeitig zu einer Verabredung kommen, Kind." Pünktlich um drei steht Merkel schließlich vor dem Amt.

Wer sie beobachtet auf ihren 4800 Kilometern durch die Republik, die sich Sommerreise 2001 nennen, mag nicht daran glauben, was in Berlin über die CDU-Chefin geschrieben und gesagt wird. Dass sie sich nicht durchsetzen werde in der Union, dass ihr das Format fehle zur Kanzlerkandidatin, dass Edmund Stoiber es am Ende machen werde, sie sich selber gar schon aufgegeben habe. Vielmehr scheint es, als hole sie gerade zum Angriff gegen die öffentliche Wahrnehmung aus. Anreisen gegen das Image der Verliererin - auch wenn die Umfragen sie im direkten Vergleich zu Schröder und Stoiber auf dem sicheren dritten Platz sehen. Dabei spielt die Kandidatenfrage auf ihrer Tour durch acht Bundesländer offiziell keine Rolle. Angela Merkel ist krampfhaft bemüht, das S-Wort auf dieser Reise nicht auszusprechen, und doch sitzt der Bayer Stoiber wie ein Phantom immer irgendwo neben ihr im Wagen.

Ein starker Wille

"Wir oben im Norden werden immer anders sein als die Bayern", sagt Angela Merkel bei einer ihrer Reden. Eigentlich will sie damit für den Föderalismus, für stärkere Länder und Gemeinden in Deutschland werben. Doch in diesen Tagen bekommt alles einen doppelten Sinn. "Stimmt", sagt ein Zuhörer, "so wie der Stoiber wird sie nie."

Auch nach der überraschend ruhigen Sommerpause in der Union kann man zu Hause in Berlin immer noch viel hören, was nicht an eine große Zukunft der Angela Merkel glauben lässt. Es sind wichtige Männer der Fraktion, die das sagen, Männer, die reden wie gekränkte Patriarchen. Gönnerhaft bis zur Böswilligkeit. Spätestens jetzt habe man gemerkt, dass die Erwartungen an Merkel zu hoch waren, zu unrealistisch, sagen sie. Damals, vor eineinhalb Jahren, als die CDU auf dem Sterbebett lag, dachte man, es könne nur mit Merkel weitergehen. "Wir haben uns da was vorgemacht", sagt einer. Und so bleiben am Ende solcher Gespräche wenigstens Eigenschaften wie "beachtliche Zähigkeit" und "starker Wille" übrig, die ihr dann doch gnädigerweise attestiert werden. Sie wandern als Hoffnung mit ins letzte Jahr vor der Wahl.

Wider Erwarten könnte dieses Jahr doch noch ein gutes werden für die Union. Die Konjunktur sinkt. Die Arbeitslosenzahlen wollen nicht mehr schrumpfen. Die Wirtschaft, das große Angriffsfeld, die Chance für die Union. Aber mit Angela Merkel? Sie nennt es "meine Pflicht", der CDU wieder Kompetenz in den Bereichen Wirtschaft und Soziales zu verpassen. Sie, die erst viel später dazugestoßen ist, hat dafür in den Anfängen der Partei gekramt und Ludwig Erhards Konzept der Sozialen Marktwirtschaft gefunden. Die sei schließlich einer der "Urgründe", warum sie damals, nach der Wende, in die Partei gegangen sei. Nun gelte es, Erhards Konzept auf eine neue Stufe zu heben, das Erbe zu pflegen. Am Montag wird sie ein Konzept vorstellen, das sich "neue Soziale Marktwirtschaft" nennt. Das "neu" klein geschrieben - zu viel Systemveränderung würde die Partei nicht verkraften.

Ob das aber reicht, um Stoibers Monopolstellung in Fragen der Wirtschaftspolitik zu brechen? Merkel will wenigstens aufholen. Deshalb besucht sie auf ihrer Reise vor allem Unternehmen, Lothar Späths Jenoptik-Konzern, die Hallen des Internet-Buchhändlers Amazon in Bad Hersfeld und in Melsungen das hessische Traditionsunternehmen B. Braun. 13 Firmen in acht Tagen. So tickt die Politik also wirklich noch. Glaubt, wenn man ein bisschen durch den Osten fährt, könne man eine so merkwürdige Eigenschaft wie Ostkompetenz gewinnen. Während der Kanzler also dieses Defizit wegreisen will, versucht Merkel, sich Wirtschaftskompetenz zu erreisen. Sie wirkt unbeholfen bei ihren Fragen. Obwohl sie viel gelesen hat über die Wirtschaft in letzter Zeit. Die Physikerin Merkel hat ihr Vokabular um Begriffe wie "Crucial Point" und "Bottleneck" erweitert. Außerdem hat sie sich jetzt einen Wirtschaftsberater ins Team geholt, der zu einer Art Günter Netzer der deutschen Unternehmer geworden ist. Lothar Späth soll am Wahlprogramm der Union mitarbeiten, Kontakte zu Wirtschaftsexperten herstellen. Dass einige Fachleute in der Partei sich von Späths Berufung an den Rand gedrängt fühlen, hat Merkel absichtlich übersehen.

Die Kraft für solche Alleingänge, für das schwere nächste Jahr, zieht Merkel auch auf der Sommerreise aus der Basis der Partei. Deren Sympathie hat sie vor eineinhalb Jahren an die Spitze der Christdemokraten gebracht. Und es funktioniert noch immer. Wenigstens das. Wo sie es schon nicht geschafft hat, sich in der CDU eine Hausmacht zu sichern, wichtige Leute auf ihre Seite zu ziehen, auf die sie sich verlassen kann. Die Basis aber hält zu ihr. Vor allem die Frauen bewundern sie. Der Ost-Bonus von einst, er zieht nicht mehr. Dafür der Frauen-Bonus. Allein schon weil sie bisher durchgehalten hat "in der harten Männerwelt", wie eine Parteikollegin der Fuldaer CDU sagt, genießt sie großen Respekt. Trotz eines Horst Seehofers, der seinen Parteichef Stoiber vor einigen Wochen den einzigen ernst zu nehmenden Kandidaten der Union genannt hat. Trotz eines Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz, mit dem sich die Parteichefin in letzter Zeit immer öfter gestritten hat. Nicht etwa, weil es ernste inhaltliche Differenzen zwischen beiden gäbe. "Die Chemie stimmt einfach nicht", sagen Leute aus der Fraktion. Allerdings sagen die gleichen Leute, dass Merz die "größeren Defizite" im Umgang mit Kollegen hat. Den Satz "Machen Sie es gut, und lassen Sie sich von den Männern nicht unterkriegen", hört Merkel jedenfalls häufig auf ihrer Reise. Und weil sie sich gewiss nicht unterkriegen lassen will, freut sie sich so sehr, als sie im Lager von Amazon ins Regal greift und zufällig ein besonderes Buch in der Hand hält: "Frauen sagen, was sie wollen" heißt es, gewiss kein Bestseller, aber ein medialer Glücksgriff für Merkel. Am nächsten Tag prangt das Foto auf Seite zwei der "Bild"-Zeitung. Vielleicht hätte sie den Ratgeber mitnehmen sollen. Der Klappentext verspricht: "Ein Buch, das aus Frauen nicht bessere Männer, sondern stärkere Frauen macht."

Unerwartete Schlagfertigkeit

Immerhin hat Merkel auf anderem Gebiet einiges dazugelernt und konkret umgesetzt. Sie kann Bier trinken auf Volksfesten, Schultern klopfen, Autogramme schreiben, viele sogar. Spontaner ist sie auch geworden. In Erfurt, vor über 1000 Menschen, kündigt sie gerade den Schluss ihrer Rede an, da brüllt ihr ein Student "Na endlich" ins Wort. Früher hätte sie das vielleicht aus dem Konzept gebracht. Jetzt aber sucht sie blitzschnell den Rufer in der Menge, fixiert ihn mit süffisantem Blick, sagt "Gehen Sie doch!" Früher habe es den Zwang gegeben, an Parteiveranstaltungen teilzunehmen, sagt sie. Heute lebe man Gottseidank in Freiheit. "Was machen Sie dann noch hier?" Dass sie diese Schlagfertigkeit noch nicht lange im Repertoire hat, wird am Abend deutlich, als sie die Szene noch einmal nacherzählt. Stolz wie ein, naja, junges Mädchen.

Es sind vor allem die Kleinigkeiten, mit denen Merkel Sympathien sammelt. Während des Vortrags bei der Jenaer Biotech-Firma CyBio nimmt sie dankbar von den gereichten Schnittchen. Nach dem Vortrag, als Fotografen und Kameraleute den Raum schon verlassen haben, bleibt Merkel stehen, geht zurück zu den Mädchen vom Catering-Service, sagt "Dankeschön für die nette Bewirtung" und nimmt ein letztes Stück Gurke mit Petersilie vom Silbertablett. Zurück bleiben die verlegen kichernden Mädchen und ein "niedlich" aus ihrem Mund.

Nur der behinderte Leierkastenmann, der in Fulda Geld für arme Kinder sammeln will, mag in diesem Kontext nicht so recht zählen. Zwar applaudieren die umherstehenden Bürger, als Merkel ihm spontan etwas spendet, und die Leute vom Fernsehen filmen dankbar. Dass der Mann mit dem Leierkasten, der zufällig auf der Straße stand, von der örtlichen CDU nach vorne zu Merkel geschickt wurde, wissen sie nicht. Auch Merkel selbst weiß es nicht.

Wer immer noch glaubt, Angela Merkel sei eine Frau aus dem Osten für den Osten, liegt falsch. Auf der Sommerreise kann man das beobachten. Fast jeder Tag endet mit einem CDU-Fest, und Merkel muss reden. Erfurt-Fulda - ein Vergleich: Merkel verfährt mit ihren Reden, wie mit einem Baukasten-Set, reiht die Inhalte wie Klötze aneinander, wechselt aus, je nach Bedarf. Im Osten legt sie gerne Selbstkritik in ihre Worte, sagt, ja, wir haben Fehler gemacht, bei der Familienpolitik etwa. Aber diese habe man nun erkannt und so könne man es besser machen als Rot-Grün. Fehler eingestehen kommt gut an im Osten, das weiß Merkel inzwischen. Im Westen wäre das eine politische Sünde. Dort, in Fulda, spricht sie dagegen von der "Wertegrundlage" der Sozialen Marktwirtschaft, lobt die Vereinskultur, die im Westen viel stärker verbreitet ist als im Osten. Beklagt sich, dass man Übungsleiter in Sportvereinen nicht wie die Regierung Schröder es tut, mit dem 630-Mark-Gesetz abschrecken dürfe, weil deren Engagement so wichtig sei für die Gesellschaft. In Hessen greift sie auch Roland Kochs Idee auf, arbeitslosen Sozialhilfeempfängern die Zuwendungen zu kürzen, wenn sie einen angebotenen Job nicht annehmen. Die Idee des innerparteilichen Konkurrenten Koch hat sie blitzschnell in das Konzept der "neuen Sozialen Marktwirtschaft" integriert. Ihr Konzept. Auch Merkels PDS-Polemik fällt in Hessen stärker aus als im Osten. Die PDS komme ihr vor wie einer, der im ICE sitzt, keine Fahrkarte gekauft hat und sich über den schlechten Service beschwert, sagt sie.

Merkel ist längst im Westen angekommen, so sehr, dass einige im Osten sagen, sie habe ihre Herkunft vergessen. Überhaupt hat sie die Auftritte in den alten Bundesländern lieber. Das spürt man, das sagt sie auch. Auf den Marktplätzen des Westens ist es unkomplizierter, da wabern weniger Befindlichkeiten, liegt weniger von jener Basismelancholie über den Menschen, die der Schriftsteller Martin Walser neulich ihr, der Merkel, angedichtet hat. Worüber sie sich sehr geärgert hat. Oh ja, das kann sie, die vermeintlich Zahme. Sich ärgern. Über vorlaute Herren aus der CSU etwa, die in der Zuwanderungsdebatte mit scharfer Munition schießen, obwohl sie selbst erst einmal in Ruhe abwarten wollte, wie das rot-grüne Konzept am Ende aussieht. Zustimmung nicht ausgeschlossen.

Ärgern kann Merkel sich auch, wenn sie mal wieder nach Mazedonien gefragt wird und die Kamera des ZDF schräg hinter ihr steht. "Ich hasse es, wenn ich im 90-Grad- Winkel aufgenommen werde", schimpft Merkel dann, gibt grimmig Anweisungen. "Stellen Sie sich hier vorne hin." Dieses Resolute mag man ihr zwischenzeitlich gar nicht zutrauen. Wenn sie dasitz, mit großen Augen an die Decke starrt, mit den Lippen an einer offenen Wasserflasche spielt und die Backen aufpustet, gedankenverloren. Abwesend? Das mag täuschen. Getäuscht haben sich schon viele in ihr.

Sie hatte schon immer das Gespür für den entscheidenden Moment. So ist sie nach der Wende Ministerin geworden, so hat sie sich im Spendenskandal rechtzeitig von Kohl distanziert - und ist Parteichefin geworden. Und nun? "Angela Merkel, eine Frau mit Power, die die CDU verändert hat", ruft der Fuldaer Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann nach Merkels Rede ins Mikrofon. Der Applaus tut ihr gut. Sie schaut nach oben, nicht zu den Menschen, sondern in die Abendsonne. Wieder wirkt sie ein wenig abwesend. Vielleicht träumt sie vom nächsten Jahr, davon, dass sie eine Verabredung haben wird. Mit Schröder im Wahlkampf. Stoiber hin, Umfragen her. Vielleicht wird sie es sein, die Schröder herausfordert, wenn die Zeit gekommen ist. Dass man zu Terminen nicht zu früh kommt, weiß sie ja von ihrer Mutter.

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