Zeitung Heute : Angela Merkel?

Stephan-Andreas Casdorff

„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Angela Merkel (CDU) könnte nach der Wahl vielleicht Bundeskanzlerin werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: Sie ist die erste Vorsitzende, die eine große Volkspartei in Deutschland je hatte. Noch dazu die der CDU, der Christlich- Demokratischen Union, einer Partei der Konservativen. Sie ist die Vorsitzende der gemeinsamen Bundestagsfraktion von CDU und CSU, die erste, die diese Fraktion je hatte. Sie ist: die Prima. Und das war sie immer. Schon in der Schule, damals, in der versunkenen DDR.

AMBITIONEN: Die hatte sie immer. Ob in der Physik, die sie studiert hat, oder in der Politik, die sie inzwischen noch länger studiert. Auch beim Kochen oder Backen, wie die sagen, die es besser wissen. Und wenn sich die Gelegenheit zum Aufstieg (hier ist der politische gemeint, denn wandern tut sie auch) bietet – warum die dann nicht nutzen? Frauenministerin, Umweltministerin, Generalsekretärin… Manches allerdings gerinnt im Nachhinein zur Strategie, was vorher vielleicht noch keine war; zum Beispiel, dass sie in der Spendenaffäre der CDU einen Artikel schrieb, der – als mutig geplant angesehen – zum großen Abschied von der Ära Kohl wurde. Oder dass sie es gewesen sei, die Wolfgang Schäuble als Vorsitzenden absichtsvoll zur Seite schob. Das, so viel ist sicher, tat er sich schon selbst an.

Aber sie kann die aktuelle Situation, nicht zuletzt ihre, analysieren wie keine Zweite, kann Gewichte erkennen und wägen, wann es sich lohnt, das eigene einzusetzen. Oder das eigene mit dem von anderen zu verstärken. Manchmal auch aus Misstrauen. Und das alles weiß, wer früher mit ihr zusammengearbeitet hat, sagen wir: als sie noch stellvertretende Sprecherin der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière war. Politische Genialität hat ihr niemand unterstellt, auch Charisma nicht, aber jeder die Begabung, eine Gemengelage, sei sie noch so komplex, zu durchdringen, für sich zu ordnen. Das hat sie auch jetzt wieder getan, in diesem Wahlkampf. Es ist einer auf ihre Art. Ein kluger Kopf hat ihr dafür den Begriff „rechnende Rationalität“ zugeschrieben. Das trifft es punktgenau. Wenn sie einen Trick hat, dann den, sagt de Maizière: dass sie keinen hat.

AUSSICHTEN: Gut – warum nicht? Die elf Ministerpräsidenten der Union sagen, sie unterstützten sie, und das ist nicht halb so vergiftet gedacht, wie viele meinen. Sie sind nur Realisten. Die letzten Umfragen zeigen es: Die CDU erholt sich von Gerhard Schröders unkalkulierbarer Vitalität, das Pendel kommt zurück. Und wenn es der Union gelingt, noch ein bisschen besser als 40 Prozent abzuschneiden, dann wird sie das, was sie werden will.

WAHRSCHEINLICHKEIT: Mann stelle sich vor: Deutschland wird geführt von einer Frau. Was sich die westdeutsche Emanzipationsbewegung Jahrzehnte erhofft hat, wird sehr wahrscheinlich – mit einer geschiedenen, protestantischen, kinderlosen ostdeutschen Konservativen. Wenn das kein Wandel ist. Einerseits gewiss zum Positiven; denn es wurde Zeit, dass eine Frau stellvertretend für die Mehrheit, die Frauen, die Richtlinienkompetenz im Kabinett übernehmen soll. Anders gesagt: Gedöns ist Macht, und neue Männer braucht das Land. Es wurde außerdem Zeit, dass Deutschland von einem, einer Ostdeutschen regiert werden könnte, 15 Jahre nach der Einheit.

Und andererseits? Man weiß es noch nicht so ganz genau. Ob sie es wird. Ob sie sich durchsetzen kann. Ob sie die Menschen davon überzeugen kann, dass das Land von ihrer Wirtschaftsliberalität profitiert. Was für alle gilt, ist der Spruch ihres Wahlkampfs: Ein neuer Anfang.

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