Zeitung Heute : Angeordneter Rückzug

Matthias B. Krause[New York]

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld legt zum ersten Mal Pläne zur Umstrukturierung des amerikanischen Militärs vor. Dabei geht es vor allem um die Verlagerung von Soldaten aus Deutschland und Asien. Was verspricht sich die Bush- Regierung von dieser Veränderung?

Zwei Jahre lang war die Giftliste sorgfältig unter Verschluss gehalten worden. Als das Pentagon am Freitag schließlich den Deckel lüftete, fiel der Schreck ein wenig kleiner aus als zunächst befürchtet. 180 Militäreinrichtungen, darunter 33 große Basen zwischen Maine und Hawaii, sollen laut der Empfehlung von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld geschlossen werden. Insgesamt steht damit rund jeder zehnte Stützpunkt in den USA vor dem Aus. Darüber hinaus wollen die USA bis zu 70 000 Soldaten vor allem aus Deutschland und aus Asien dauerhaft abziehen. Das sei notwendig, weil die augenblickliche Verteilung der Stützpunkte im Wesentlichen noch die Notwendigkeiten aus den Zeiten des Kalten Krieges widerspiegele, sagte Rumsfeld, „doch wir müssen uns auf die neuen Herausforderungen im Krieg gegen Extremisten rüsten“.

Durch die Schließung der Stützpunkte im Inland erhofft sich das Pentagon laut der jüngsten Zahlen Einsparungen in Höhe von 48,8 Milliarden Dollar über die nächsten 20 Jahre. Das mache rund 5,5 Milliarden jährlich aus, sobald die Anfangskosten für die Umzüge bezahlt seien. Insgesamt werden etwas mehr als 29 000 zivile und militärische Jobs verloren gehen, fast 180 000 Armee-Angestellte müssen umziehen. Die von den Schließungen betroffenen Regionen müssen mit wirtschaftlichen Schäden rechnen. Es handelt sich um die größte Umstrukturierung in der Geschichte des US-Militärs. Vorhergehende Schließungsrunden in den Jahren 1988, 1991, 1993 und 1995 hatten dem Pentagon bis 2003 rund 29 Milliarden Dollar gespart.

Rumsfeld will sein Ziel vor allem durch die Abschaffung von Doppelstrukturen erreichen. Statt etwa die Mitglieder der National Garde in Extra-Standorten auszubilden, sollten sie in die regulären Armee-Basen integriert werden. Auch für die Ausbildung von Militärköchen oder Seelsorgern soll es künftig nur noch eine Zentrale geben. Das Pentagon geht zudem davon aus, dass der Abzug von Soldaten in Europa und Asien seine Ausgaben um weitere 2,2 Milliarden Dollar reduziert. Die Details dieser Pläne unterliegen jedoch der Geheimhaltung.

Noch zu Wochenbeginn hatte eine vom US-Kongress eingesetzte Kommission Rumsfelds Übersee-Vorhaben als übereilt bezeichnet. „Wir meinen, er sollte einen Schritt zurücktreten und einen tiefen Atemzug nehmen“, sagte Al Cornella, Vorsitzender der Overseas Basing Commission. Sie kommt zu dem Schluss, dass das Verteidigungsministerium die Kosten für den Truppenabzug unterschätze. Statt acht bis zehn Milliarden Dollar werde er eher 20 Milliarden Dollar kosten. Außerdem empfehlen die Militärexperten, in Deutschland wenigstens zwei schwer bewaffnete Divisionen zu belassen, um für unvorhersehbare Ereignisse in Europa gewappnet zu sein. Das sei zudem der Zusammenarbeit mit den Nato-Alliierten förderlich.

Das Pentagon lehnt die Empfehlungen als unausgegoren ab. Es hatte seine Pläne aus mehr als 1000 Szenarien herausgefiltert. Sie werden nun einer neunköpfigen Kommission zugeleitet, die öffentliche Anhörungen veranstaltet und die von den Schließungen betroffenen Militärbasen besucht. Sie kann einzelne Standorte von der Liste streichen oder neue hinzufügen. Bis zum 8. September muss sie dann ihre Vorschläge Präsident George W. Bush vorlegen. Nach einer Prüfung leitet der Präsident das Reformgesetz an den Kongress weiter, wo abgestimmt wird. Die erste Schließung von Stützpunkten beginnt, wenn alles nach Plan geht, im kommenden Jahr, die Umstrukturierung soll insgesamt sechs Jahre dauern. Fotos: dpa (2)

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