Zeitung Heute : Angereicherte Zweifel

Alexej Dubatow[Moskau] Markus Huber[Wien]

Die russische Regierung hat die angebliche Einigung im Atomstreit mit Teheran relativiert. Bedeutet dies, dass der Konflikt doch bald vor den Weltsicherheitsrat kommen dürfte?


Die Verhandlungen zwischen Russland und Iran über eine mögliche Urananreicherung für Iran auf russischem Boden lassen zumindest eine Partei in diesem Streit völlig unbeeindruckt: die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) mit Sitz in Wien. „Das hat mit unserer Arbeit rein gar nichts zu tun“, sagte eine IAEO-Sprecherin dem Tagesspiegel.

Unabhängig vom Ausgang der Gespräche wird am kommenden Montag in Wien der IAEO-Gouverneursrat tagen, um das weitere Vorgehen im Atomstreit zu besprechen. Dabei wird IAEO-Chef Mohammed al Baradei einen neuen Lagebericht vorlegen, die iranisch-russischen Gespräche spielen laut Auskunft der IAEO dabei aber keine Rolle: „Al Baradei wird in seinem Bericht lediglich festhalten, wie die Arbeit der IAEO-Kontrolleure in Iran vorangeht.“ In Wien wird befürchtet, dass Iran einmal mehr auf Zeit spielt.

Auch die Regierung in Moskau ging am Montag auf Distanz zu dem angeblich mit Iran erzielten Kompromiss. Die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass zitierte ein Mitglied der Moskauer Delegation, die sich zu Atomgesprächen in Teheran aufhielt, mit den Worten, beide Seiten seien nur „einen halben Schritt“ vorangekommen. Unter Berufung auf eine weitere russische Quellen hieß es, Teheran bestehe weiterhin auf einer begrenzten Anreicherungsforschung auf eigenem Boden. Die erzielte Einigung erinnere an die Witzformel vom „Sender Eriwan“, spotten unterdessen russische Zeitungen: „Im Prinzip“ sei alles klar, hieß es darin immer. Doch dann folgten Einschränkungen, die die erreichte Einigung zunichte machen würden.

Bisher will die iranische Führung rund um Präsident Ahmadinedschad neben einer russischen Brennstoffherstellung für ihre Atomkraftwerke „wenigstens einen kleinen Teil des Urans“ im eigenen Land verarbeiten. Außerdem wurde von iranischer Seite offenbar der Wunsch nach Überwachung der Urananreicherung in dem vorhandenen russischen Betrieb geäußert. Das würde umgekehrt jedoch bedeuten, dass iranische Wissenschaftler „mit einem Auge“ Einblick in russische Atomgeheimnisse bekämen, befürchten Regierungsvertreter in Moskau.

Beobachter in Teheran hielten es gestern allerdings für möglich, dass Iran bei den Verhandlungen mit Russland zumindest einen befristeten Anreicherungsstopp als vertrauensbildende Maßnahme anbieten könnte. Dem, so heißt es in Wien, könne man durchaus zustimmen. „Auch die Russen denken bei ihren Verhandlungen über eine solche Zeitschiene nach.“ Damit könnte Iran langsam wieder das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft gewinnen. In jedem Fall aber könne man davon ausgehen, dass Moskau mit Teheran keinen Vertrag schließen werde, „bei dem die Ablehnung durch die EU und die USA von vornherein feststeht“.

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