Zeitung Heute : Angeschlagen, aber nicht gebrochen

Der Tagesspiegel

Von Stefan Jacobs

Prenzlauer Berg. Die Morgensonne projiziert ein Spinnennetz von der gerissenen Schaufensterscheibe auf die Bücher in der Auslage. Von der Seite ist eine richtige Beule im Glas erkennbar. Nachdem die Polizei am Freitag den Schaden aufgenommen hatte, hat Johann Asche die Betonplatte vom Gehweg nach hinten geschleppt und zu der Eisenstange von neulich gelegt. „SB“ hat die Polizei notiert. Sachbeschädigung. Aber weil „SB“ noch nicht die ganze Geschichte ist, will Asche erst Rolläden anbauen lassen, bevor er die Scheibe reparieren lässt.

Johann Asche ist 45 und äußerlich eine Mischung aus Sozial- und Bauarbeiter. Er stammt aus Ostfriesland, rollt das R und neigt dazu, Gesprächspartner zu duzen. Im vergangenen Juni hat er sich von der Spaßgesellschaft verabschiedet und das „Duncker-Antiquariat“ mit einem breiten Angebot an antifaschistischer und im weitesten Sinne linker Literatur eröffnet. Weil er ein paar Leute zum Lesen kriegen will, die sonst kaum ein Buch anfassen. Und weil er als Gegendemonstrant „am ersten Mai in Hohenschönhausen nicht bis zum Nazi-Aufmarsch durchgelassen wurde – das war wohl die Initialzündung“. Also ließ er seine Freunde in der Spaßgesellschaft zurück und mietete den Laden in der Dunckerstraße, Nähe Danziger. Der „Antifa-Reader“ für drei Euro ist ein Renner: Rund 150 Exemplare des – von Kennern als relativ seriös angesehenen – „antifaschistischen Handbuches und Ratgebers“ hat Asche schon verkauft. Man kann bei ihm aber auch andere Kost für wenig Geld bekommen. Den Reiseführer Südflorida etwa. Oder eine Kafka-Biografie. Maupassant, Sartre, Windows-Ratgeber. Aber keine Anleitungen, wie man Molotow-Cocktails bastelt oder Polizeiautos abfackelt. Asche will informieren, nicht aufwiegeln. „Ich bin strikt gegen Gewalt“, sagt er. Zumindest, „wenn sich die Situation nicht dramatisch verschärft.“

Ach ja, die Gehwegplatte. Sie kam nicht unerwartet, sagt Asche. Denn sie wurde ihm – im Gegensatz zu der Eisenstange Ende November – telefonisch angekündigt. „Wir machen deinen Laden platt“, hatte jemand Anfang März ins Telefon gesagt. Als er sich später noch mal meldete, um auszurichten, „dass wir auch dich platt machen, Alter“, hat Asche gefragt, wer denn der Anrufer sei. „Heil Hitler“, kam zurück. Dann wurde aufgelegt, und Asche rief wieder die Polizei. Die nahm eine Anzeige wegen Bedrohung auf und ermittelt seitdem gegen Unbekannt. In alle Richtungen, wenn man so will.

Nach Auskunft der Polizei gilt die Gehwegplatte bisher als einfache Sachbeschädigung. Denn „bei politisch motivierten Straftaten versuchen die Täter ja in der Regel, eine Handschrift zu legen – und daran fehlt es hier“, sagt ein Polizeisprecher. Aber auch wenn die Platte nicht ordnungsgemäß beschriftet war, könne die Sache im Zuge der Ermittlungen „eine andere Richtung bekommen“, sagt der Beamte. Etwa dann, wenn sich die Anzeigen wegen SB mit der wegen Bedrohung auf dem Schreibtisch des Sachbearbeiters kreuzen.

Johann Asche hätte sich gefreut, wenn ihm die Polizei nach den Anrufen eine Kamera geborgt oder öfter mal vorbeigeschaut hätte. Aber er will nicht klagen, und es sei ja auch ein gutes Zeichen, wenn sein Laden den Leuten nicht egal sei. „Und vertreiben lasse ich mich nicht.“ Wenn sich ein Sponsor fände, würde er gern einen zweiten Laden eröffnen. In Köpenick vielleicht, wo die NPD residiert und nach Farbbeutelwürfen dauernd ihre Fassade neu anpinseln musste. Jetzt steht dort abends immer mindestens ein Polizeiauto in Sichtweite. Insofern wäre ein Geschäft direkt neben der NPD-Zentrale ideal.

Eine Stunde nach Ladenöffnung öffnet sich zum ersten Mal die Tür der Buchhandlung. Zwei alte Leute mit russischem Akzent schütteln Asche die Hand und sagen: „Wir sind mit Ihnen, Sie sind sehr brav.“ – „Kein Problem“, erwidert Asche. „Doch, das ist ein Problem!“, ruft der alte Mann. Asche bleibt kühl. „Ich mag es nicht, wenn man mich bemitleidet“, sagt er, als die beiden wieder draußen sind. Der erste Kunde kommt eine weitere Stunde später. An guten Tagen setzt Asche 70 Euro um. Am Sonnabend waren es sechs. Er hält den Laden, „weil ich mir dieses alltägliche rassistische und antisemitische Gequatsche nicht mehr anhören konnte.“ Auch das von Bekannten, auch in Prenzlauer Berg, von dem viele glaubten, dass sich hier kein Nazi hin verirren würde. Asche würde gern mal mit denen reden, die die Platte geworfen haben. Aber die kommen nur nachts.

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