Zeitung Heute : Angriff auf die Antilopen

Der mörderische Bombenkrieg: Alle Kreaturen sind gleich – und werden ausgelöscht. Wie der Dresdner Zoo verbrannte./Von Jörg Friedrich

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D ie Haager Landkriegsordnung nimmt, wenn auch zaudernd, die Menschen vor dem Krieg in Schutz, in Artikel 27 gar als Erben einer Geschichte. Menschheitszeugnisse und werke sind vor der Planlegung durch Bomben auszunehmen. Um den bürgerlichen Bildungsgedanken zu veralbern, prägte Hitler den Begriff der „Baedekerangriffe“. Als Vergeltung für die Lübeck-Operation der Royal Air Force befahl er am 14. April 1942 die Zerstörung der historischen Städte Bath, Canterbury und Essex. Die Völker bombten einander die Kulturnation aus dem Leibe. Dass die Strafe den deutschen Baedekerreisenden schädigte, nahm die Luftwaffe nicht tragisch.

Naturgemäß geht eine Bomberflotte nach einfachen Kriterien vor. Doch bewährten sich alle in dem einen Beruf: Vernichtung austeilen, erdulden und überstehen. Der Krieg war der oberste Rassenzüchter. Das Geschlecht, das sich rückhaltlos der Auslese durch Vernichtung stellte, triumphierte. So haben die Vordenker des totalen Krieges ihn ausgelegt, und tatsächlich ist er den Deutschen zuletzt so widerfahren. Ihr rassistisches Selbstbekenntnis ist im Luftkrieg fatal beim Wort genommen worden: Denn wenn irgendwo, dann warst du unter dem Bombenteppich nichts, dein Volk war alles. Die Strafe in den Feuerstürmen von Hamburg und Dresden galt aller Kreatur. Innerhalb des Zielgebietes waren die Ziele gleich: Dom und Baum, Nazi-Mann, Nazi-Weib und Nazi-Kind. Weitere Unterscheidungen waren in dieser Technik nicht vorgesehen. Sie kann gar keine Schuldigen bestrafen, sondern wer bestraft wird, trägt Schuld. Denn anders erklärt sich ja die Waffe selbst für kriminell.

Die Angst der Giraffen

Nach dem Angriff auf Hamburg im Juni 1943 hatte die Dresdener Stadtverwaltung den Bürgern drei mögliche Refugien bezeichnet: den Großen Garten, die Elbwiesen und das Große Ostragehege. Die Gebiete waren Brandschneisen. Auf ausgedehnten Freigeländen fehlen dem Feuer Brücken zur Fortpflanzung. Innerhalb eines Flächenbrandes bleiben die Brandschneisen als Oasen übrig. In dem Großen Garten lag der Dresdner Zoo. Um den Ausbruch wilder Tiere und Reptilien zu verhindern, war der Zoo mit einem 40 Meter hohen Holzzaun umgeben. Für den Fall des Luftangriffs existierten detaillierte Pläne. Der Zoo war mit Bunkern unterkellert worden, in den Gebäuden standen Sand- und Wassereimer, Feuerlöschgeräte, Motorpumpen. Luftschutzwarte hatten in festgelegten Schlüsselposten Aufstellung genommen. Für alle Alarmstufen galten von der Verdunkelung an militärische Verhaltensregeln.

Der britische Anflug am 13. Februar 1945 gelang ohne Vorwarnung. Die Sirenen heulten das Signal des Angriffs. Er begann mit dem Abwurf der „Christbäume“: Flammenkaskaden, die sich langsam auf das Ziel senkten, es ausleuchteten, ansteckten und für die Sprengbomben vorbereiteten.

In der fraglichen Nacht wehte Westwind dicht am Boden. Er driftete die Feuerfladen in den Großen Garten. Der Zaun des Zoos geriet in Brand, ferner das Futtersilo, der „Wirtschaftshof“, das Antilopen- und das Giraffenhaus. Das Zaunfeuer war von den zahlreichen und geübten Luftschutzeinheiten rasch unter Kontrolle gebracht. Den Wirtschaftshof ließen sie ausbrennen, denn sie sahen mit sicherem Blick, dass alles andere Kräftevergeudung gewesen wäre. Sein Verlust ließ sich verwinden. Man hatte eine geradezu gefechtstaktische Routine gewonnen und konzentrierte sich gleich auf das Wesentliche, die Rettung der Giraffen und Antilopen. Den Tieren fiel es schwer, dem Feuer standzuhalten. Die Antilopen zitterten heftig an allen Gliedern, als ihr Käfig aufgerissen wurde. Doch stürzten sie sekundenschnell ins Freie, sprangen unschlüssig kreuz und quer und konnten von ihren Pflegern bald gehalten werden. Neben dem Giraffenhaus waren Sprengbomben eingeschlagen. Die Giraffen ängstigten sich, wagten es in der Verwirrung nicht, das Freie zu suchen, und klammerten sich an ihr brennendes Domizil. Sie mussten mit Gewalt einzeln unter den Flammen des Daches hervorgezogen werden.

Nun, da der Zoo unter Angriff lag, öffnete der Direktor Sailer Jackson seine schriftliche Geheimanweisung. Sie verlangte für den Fall, dass Menschen durch entsprungene Fleischfresser zu Schaden kommen könnten, die Tötung der Tiere. Dazu waren Sailer und der Wärter Lehmann ausersehen, der sein ganzes Leben im Zoo verbracht hatte. In dieser Weisung lag nichts Außergewöhnliches. London hatte während seiner Bombardierung sämtliche Zootiere getötet.

Ehe Sailer den Befehl ausführen konnte, rollte die zweite Angriffswelle. Die Lancaster-Bomber stießen geradewegs auf den Großen Garten. Doch vermochten sie nicht, den riesigen Park in Flammen zu setzen, so sehr sie sich abmühten. Dadurch verdichtete sich der Hagel von Spreng- und Brandsätzen auf der Schneise, die Tausende von Dresdnern zur Rettung vor dem Feuersturm in der Altstadt aufgesucht hatten. Die Briten wählten die normale zweistufige Bombardierung. Ein Entwaffnungsschlag legte die Abwehr lahm, und ein Vernichtungsschlag radierte das Objekt aus. Für die erste Angriffswelle benötigte die 5.Bombergruppe in Dresden 25 Minuten. Zehn Minuten davon nahm sie sich für das exakte Markieren und Ausleuchten des Ziels, der Altstadt. Auf das gleichseitige Dreieck von zwei Kilometern Basisbreite fielen alsdann fast 1000 Tonnen Bomben. Noch vor den Brandsätzen wurde eine Schicht Sprengbomben geworfen, um die Dächer abzudecken und die Fenster einzudrücken. Die Vielzahl der gleichzeitig gelegten Brände löste nunmehr eine thermodynamische Reaktion aus, den Feuersturm. Die erhitzte Atmosphäre im Zielareal jagt wie in einem Kamin empor, hinterlässt ein Vakuum, das Luft ansaugt, die heulend in den Brandherd schießt und die Einzelbrände dabei zu einer Flammenhölle entfacht. Dem ist keine Löschtruppe gewachsen.

Das Feuersturmgebiet lässt durch Überentwicklung von Brandgaben auch die Hauskeller zu Todeszellen werden. Die Temperatur von über 1000 Grad schmilzt Sandstein, menschliche Körper werden zu langen, holzkohleähnlichen Stangen geröstet. Personen, denen Druckwellen die inneren Organe zerrissen hatten, schienen unversehrt. In Straßenbahnen fand man Mütter mit ihren Kindern auf dem Schoße sitzend, als seien sie eingenickt. Andere, in heißer Luft erstickt, lagen nackt auf dem Boden, gespreizt, die Kleidung verglüht oder vom Leibe gerissen, das Gesicht in die Erde gepresst, um Kühle und Feuchtigkeit aus ihr herauszusaugen. Die Körper ließen sich schwer identifizieren. Die Glut hatte sie aufgebläht. Zum Zwecke der Identifizierung wurden die Eheringe mit Drahtzangen von den Fingern geschnitten. Davon sammelte man über 10000 Stück und bewahrte sie in großen Eimern auf.

Nach der Doppelschlagtheorie sind die Abwehrkräfte innerhalb von drei Stunden dermaßen von Rettungsnöten absorbiert, dass eine zweite Angriffswelle den „knock-out- blow“ führen kann. Das Telefonnetz ist zusammengebrochen, Hilfe lässt sich nicht herbeirufen. Der Bombenteppich fällt auf einen paralysierten Gegner.

Die Auffanggebiete in den grünen Brandschneisen erwiesen sich als trügerische Falle. Wer der Feuersturmzone entrinnen konnte, mochte, der Behördenanweisung gemäß, Atemluft und Sicherheit im Freien suchen. Der Rasen brennt schwer, es sei denn, er wäre von einer Menschenansammlung bedeckt. Der Große Garten lag seitwärts der lodernden Altstadt. Die Lotsen der zweiten Angriffswelle, die 32 Minuten währte, unterließen ein neuerliches Bombardement der Brandstätten. Ihr Schein erleuchtete das Flugzeuginnere in sechs Kilometern Höhe. In vier Kilometern war noch eine unangenehme Hitze zu verspüren. Niedriger konnte man wegen der urgewaltigen Luftturbulenzen des Feuersturms, welche die Maschinen wie Laub in den Himmel schleuderten, schlecht fliegen. Die Piloten verdrängten die Gedankenfetzen, wie es am Boden aussähe und bombardierten die Ränder des Zielgebietes entlang. Der Rauch verflüchtigte sich dort etwas, die Ziele waren erkennbar und lohnender. Den Großen Garten haben die Flieger gewiss gesehen, die Menschenschwärme dort kaum. Was Tausende von Brand- und Sprengbomben in dem nicht bebauten Gebiet ausrichten sollten, bleibt unerfindlich. Sicher aber war es keine Gedankenlosigkeit der Briten, eine Mischung von 55 Prozent Spreng- zu 45 Prozent Brandmunition zu laden. Damit verbindet sich von vornherein der Wille zur Massenauslöschung. Im Großen Garten, einem Barockpark mit Schlösschen und zwei Seen, angelegt von August dem Starken, ereignete sich eine grässliche Schlächterei von Mensch und Tier. „Als ich durch die Anlagen ging“, schreibt ein Schweizer Augenzeuge, „sah ich abgerissene Arme und Beine, verstümmelte Körper und Köpfe, die von den Rümpfen abgerissen worden und dann weggerollt waren.“ Der Park war mit Leichen übersät. „Ich sehe noch immer meine Mutter“, erinnert sich eine seinerzeit 11-Jährige, „heruntergebeugt und tote Kinder umdrehen oder Teile von toten Kindern, weil sie noch immer verzweifelt nach meinem kleinen Bruder suchte.“

Kein Platz mehr für Schmerzen

Die Bombardierung des Großen Gartens hatte auch den Zoo getroffen. Die Tiere schrien um ihr Leben, denn alle ihre Käfige brannten, bis auf das Elefantenhaus. Seine Kuppel war durch eine daneben niedergegangene Sprengbombe gehoben, um ihre Achse gedreht worden und wieder auf den Sockel gefallen. Die massiven Eisentüren hatten sich verbogen und aus den Angeln gelöst. Durch die Druckwelle waren die Elefanten aus ihrem Käfig katapultiert worden. Eine Baby-Kuh lag in dem schmalen Wassergraben, die Beine staken gen Himmel. Durch ihre schweren Bauchverletzungen konnte sie sich nicht bewegen. Eine 90-Zentner-Kuh stand, im Bogen über Graben und Zaun geschleudert, mit zitternden Beinen auf dem Weg. Nunmehr begannen Sailer und Lehmann, die Raubtiere zu erschießen.

„Ich bin dabei innerlich ausgebrannt“, sagte Sailer später. „Ich habe mechanisch gehandelt, fast gefühllos, als ob ich keinen Platz für noch mehr Schmerzen im Herz gehabt hätte.“ Die Flusspferdterrasse war durch eine 4000-Pfund-Luftmine zerstört. Im Wasserbasin klaffte ein riesiger Bombenkrater. Die drei Flusspferde lebten noch. Doch lastete der Schutt des geborstenen Daches auf ihnen und drückte unter Wasser. Sie benötigten Sauerstoff und kämpften in Todesangst, sich zu befreien. Die gewaltigen Tiere scheiterten und ertranken. Zwei Zwerg-Flusspferde hatten in einem tief in die Erde gewühlten Krater Zuflucht gefunden. Wärter warfen ihnen Strohbündel hinunter, sich zu betten. Eine Zielbombe wurde den beiden zum Verhängnis und riss sie entzwei.

Das zersprengte Gebäude der Flusspferde beherbergte auch das Affenhaus. Die Schimpansen waren in den Fruchtkeller geflohen, hatten dort die Wucht des einstürzenden Gebäudes abbekommen und erstickten. Die höheren Affen konnten aus ihren Käfigen befreit werden und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Einer von ihnen tauchte Monate später im Erzgebirge auf. Ein Gibbon, dem es gelang unter dem Schutt hervorzukriechen, streckte Sailer seine von den Pfoten abgetrennten Armstumpen entgegen. Von dem Leidensausdruck auf dem Gesicht des Affen übermannt, zog Sailer seine Pistole und schoss ihn nieder. Alle Vögel verbrannten. Nur kurz war ihr gellendes Schreien zu vernehmen. Die Terrasse der südamerikanischen Tiere neben dem Vogelhaus erhielt einen direkten Sprengbombeneinschlag. Auf den umstehenden Bäumen hingen nur noch Fleischfetzen. Das Antilopenhaus brannte ab. Einige Yaks konnten gerettet werden. Lehmann, der Raubtierwärter, drang in das brennende Bärengehege und fand seine geliebte Braunbärenmutter geblendet vor. Sie vertraute Lehmanns Stimme und überließ ihm ihre zwei Jungen. Sie wurden von einer Hündin angenommen, gesäugt und durchgebracht. Die Eisbärin hatte auf ihrem Fell schwere Verbrennungen davongetragen und hielt stumm ihre beiden Einjährigen unter ihren riesigen Tatzen geborgen, damit sie nicht in die Gefahr liefen. Normalerweise hätte niemand dieser Mutter ihre Erstlinge nehmen dürfen. Der alte Lehmann brachte dies zuwege und erlöste das todwunde Tier mit der Pistole. Die Jungen, die mit einer Milchflasche hätten ernährt werden müssen, verhungerten bald, weil keine Milch in den Ruinen Dresdens übrig war.

Am Morgen nach dem Doppelschlag prüften Sailer und die Wärter, welchen der verwundeten Tiere zu helfen war. Der Elefantenkuh traten die Eingeweide aus dem Leib. Das Junge war gleichfalls durch den Schleuderflug in den Wassergraben zu schwer verletzt. Beide wurden erschossen. Dazu waren inzwischen Soldaten beordert. Viele Tiere waren nämlich ins Freie entkommen, darunter Adler, Geier, Hirsche, Rentiere, Affen, und man fürchtete um die Sicherheit. Doch kehrten sie zur Fütterstunde stets in den Zoo zurück und bettelten um Nahrung. Der Zoo besaß nichts mehr und war eine Stätte des Verderbens. Eine Schar Rhesusaffen ging ein an dem Wasser, das sie dort tranken. Die Chemikalien der Brandbomben hatten alles verseucht. Der Schimpanse Pitt, ein wegen seiner Kunststücke in ganz Dresden hochgerühmtes Tier, hatte aus den Trümmern ein Glas eingeweckter Früchte gezogen und dabei einen Bombensplitter in den Unterleib abbekommen. Das war das Werk der Zeitbomben. Pitt starb an Blutvergiftung. Die überlebenden Zebras, Steppenantilopen und Gnus erstickten an den Gasen, die ein schwelender Kohlenhaufen absonderte.

Am Mittag des 14. Februar von 12Uhr17 bis 12Uhr30 folgte ein dritter Angriff der 8. US-Luftflotte. Sie warf weitere 1600 Tonnen Brand- und Sprengbomben in die zerstörte Stadt und nahm präzise Ziele bei den Bahnanlagen unter Tieffliegerbeschuss. Die Geleise verliefen parallel zum Zoo. Einige Salven trafen die verbliebenen Tiere, die letzte Giraffe, viele Hirsche. Gerettet wurden jene, die Dresden verließen. Durch die Lücken im Zaun entschlüpften Rentiere, Büffel, Hirsche und Bisone. Sie tauchten in den Menschenmassen unter. Und ohne aufeinander zu achten, hastete die gequälte Kreatur aus der brennenden Stadt.

Im Mai 1942 hatte Churchill alle deutschen Städte, die Rüstung produzierten, zum Kriegsgebiet ausgerufen. Vier Wochen vor dem Hamburg-Angriff am 26. Juni 1943 warfen die Briten Flugblätter über Deutschland ab. Die Reichsregierung habe dem Volk Churchills Frontziehung verschwiegen: „Dieses Gebiet ist ein Schlachtfeld und wird es bis zur vollständigen Vernichtung seiner Kriegsindustrien bleiben. Was die Frauen und Kinder betrifft, so haben sie auf einem Schlachtfeld nichts zu suchen.“ Sie blieben in dem Schlachtfeld wohnen. 20 Monate später hatten selbst die Büffel eingesehen, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit geworden war.

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