Zeitung Heute : Angriff bis zur Erschöpfung

Trotz niederschmetternder Umfragewerte: Hessens Ministerpräsident Roland Koch bleibt seiner Wahlkampfmethode treu. Er kann nicht anders.

Ist es Erschöpfung, Enttäuschung oder eine Mischung aus beidem? Der Mann, der im Ruf steht, Deutschlands härtester Wahlkämpfer zu sein, lässt sich schwer in seinen Sitz sinken. Sein Körper verliert an Spannung, er schließt die Augen, der Mund steht ein wenig offen. Es ist Donnerstagnachmittag, 17 Uhr 30 im Wahlkampfbus der hessischen CDU, und Roland Koch sieht auf einmal sehr verletzlich aus. Wie ein kleiner Junge, der im Auto eingeschlafen ist. Fast möchte man ihn zudecken.

Aber Koch schläft nicht, Koch sammelt sich. Es war ein harter Tag für ihn, vielleicht der härteste seit der Spendenaffäre der hessischen CDU, die ihn Anfang 2000 fast das Amt des Ministerpräsidenten gekostet hätte, auf der zugleich aber auch sein Helden-Image als eiserner Roland der Christlich Demokratischen Union beruht. Damals überstand er die Krise mit einer an Ignoranz grenzenden Nervenkraft und dem Kampfeswillen eines Bandenkriegers.

Jetzt aber, in diesem stillen Moment in der hintersten Busreihe, muss sich der Ministerpräsident und stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende fragen, ob die Methode Koch in diesem Wahlkampf womöglich an ihr Ende gekommen ist.

Den ganzen Tag schon sickern beunruhigende Nachrichten durch. Unter den Journalisten im Bus kursieren Umfragewerte, die für Koch so unwahrscheinlich schlecht sind, dass man sie zunächst kaum glauben mag. Koch und seine lange so siegessicheren Wahlkampfhelfer tun so, als sei alles in bester Ordnung. Am Nachmittag aber werden die Zahlen in einer Weise bestätigt, die selbst ein Roland Koch nicht mehr wegstecken kann. Die ARD meldet erstens: Eine Woche vor der Wahl-Entscheidung können CDU und FDP die von Koch beschworene „bürgerliche Mehrheit“ nicht mehr aufbieten. Und zweitens: Bei einer Direktwahl käme der seit neun Jahren regierende Amtsinhaber nur auf 38 Prozent der Stimmen, das sind zehn Prozentpunkte weniger als bei seiner SPD-Herausforderin Andrea Ypsilanti.

Wie konnte ihm das passieren? Die Werte, die am Freitag in ihrer Tendenz auch vom ZDF-Politbarometer bestätigt werden, sind für Koch auch deshalb so niederschmetternd, weil er die Ursachen zuallererst bei sich selbst suchen muss. Bei den kleineren Fehlern. Und den größeren Defiziten.

Wer Roland Koch kurz nach dem Jahreswechsel in seiner Wiesbadener Staatskanzlei besucht hat, der traf auf einen überaus selbstbewussten Wahlkämpfer. Warnschussarrest, Erziehungscamps, schnellere Abschiebung: Gelassen wischte er mit dem strengen Seitenscheitel alle Einwände gegen seine Kampagne zur Jugend- und Ausländerkriminalität beiseite. Vorwürfe, er wolle das Thema nur für seinen Wahlkampf ausbeuten, tat er als Beleg dafür ab, dass eine politisch-korrekte Linke Diskussionsverbote verhängen wolle. Gegen das vermeintliche Tabu zog er dann als „Sprecher einer schweigenden Mehrheit“ ebenso zu Felde wie gegen die Weigerung der SPD, das Jugendstrafrecht zu verschärfen.

Es war der Versuch eines Remakes seiner kühl kalkulierten Anti-Doppelpass-Kampagne, mit der er 1999 die rot-grüne Koalition von Hans Eichel zu Fall gebracht hatte. Und eine Weile gelang es Koch auch diesmal wieder, die SPD – hilflos in ihrer Empörung – vor sich herzutreiben. Dabei kam ihm jene Fähigkeit zugute, die der Publizist Hajo Schumacher in seiner Koch-Biografie auf die prägnante Formel gebracht hat: „Koch beherrscht perfekt das Spiel, Ressentiments und gesunden Menschenverstand so provozierend zusammenzurühren, dass jede Glatze sich bestätigt fühlen darf, ohne dass man ihm Hetzendes vorwerfen kann.“

Bis den Sozialdemokraten, nach etwa zwei Wochen einfiel, auf Kochs Regierungsbilanz zu verweisen. Auf Stellenstreichungen bei Justiz und Polizei, auf die überdurchschnittlich langen Jugendstrafverfahren. Seither muss der Regierungschef dem Thema Stellenabbau längliche Passagen in seinen Wahlkampfreden widmen, um den Vorwurf zu entkräften, er zeige nur mit dem Finger auf andere, habe seine Hausaufgaben aber nicht gemacht. Der Ankläger in Erklärungsnot.

Das war der erste Rückschlag. Der zweite: Koch überlegte öffentlich, Elemente des Jugendstrafrechts auf Kinder anzuwenden und geriet in den Verdacht, kriminelle Kinder in den Knast schicken zu wollen. In der Union gingen sie auf Distanz. Der Angreifer in der Defensive.

Und nun? Das ist die dringendste Frage, die sich dem Wahlkämpfer Koch an diesem Donnerstagnachmittag stellt. Wie reagieren auf die Zahlen? Am Abend muss er mit Angela Merkel vor der hessischen Parteibasis auftreten. Spätestens dann wird er Stellung nehmen müssen. Soll er die Sache mit dem Kinderknast noch einmal klarstellen? Den Ton in seinen Redepassagen zur Jugend- und Ausländerkriminalität abmildern? Hart bleiben?

In Volkmarsen in Nordhessen haben sie für den Wahlkampf extra das traditionelle Aschermittwochs-Heringsessen vorverlegt. An der Straße zur Stadthalle stehen zwei Dutzend Demonstranten, die gegen G 8 protestieren – die Formel für die unbeliebte Verkürzung der Schuljahre an Gymnasien von neun auf acht Jahre. Die Bildungspolitik steht in den Augen vieler Eltern nicht auf der Habenseite der Kochschen Regierungsbilanz.

Nur hundert Meter weiter aber warten in der Stadthalle 3500 Anhänger auf den Regierungschef, Schulter an Schulter an langen Tafeln, mancher hat sich schon das eine oder andere Bier genehmigt. Ein rappelvoller Saal und gutgelaunte Zuhörer – das ist genau, was Koch jetzt braucht.

Er saugt den Jubel förmlich auf, als er sich hinter Merkel durch die Menschenmenge zur Bühne drängt, die CDU-Chefin und ihr Vize inmitten von applaudierenden Parteifreunden, die Schilder hochhalten, auf denen steht: „Am 27. Januar Roland Koch wählen“. Oder: „Mit ihm bleibt Hessen stark.“ Wenn das kein Trost ist.

Danke, sagt Koch auf dem Podium, „vielen Dank, dass Sie mich unterstützen“. Dass so viele gekommen seien, gebe ihm Motivation. „Gehen Sie mal davon aus“, gesteht Koch: „Das ist nicht der einfachste Tag meines Lebens heute.“ Dann gibt er seine Antwort auf die Umfragen. Es heißt, er funktioniere unter Druck besonders gut, und tatsächlich fällt seine Rede noch ein wenig kämpferischer aus als bei den vier vorherigen Auftritten an diesem Tag. Nur Neues beinhaltet sie nicht.

Angriff ist die beste Verteidigung: Koch bleibt seiner Methode treu. Vielleicht kann er jetzt, auf den letzten Metern, nicht mehr anders. Vielleicht hat er aber auch noch nie anders gekonnt.

Er packt seine Botschaften an die da unten in der Stadthalle von Volkmarsen und an die Wähler im Land in eine Warnung. Sie lautet: Das schöne, prosperierende Hessen darf nicht an ein Linksbündnis von SPD, Grünen und Linkspartei fallen. Einmal an der Macht, werde Rot-Rot-Grün die Wirtschaft kaputtmachen, den Ausbau des Frankfurter Flughafens aufs Spiel setzen, alle hessischen Schüler auf Dauer in eine integrierte Gesamtschule zwingen und Kinder von Zuwanderern wieder ohne Deutschkenntnisse in die Klassen lassen – kurz: all das zerstören, was die CDU in den vergangenen neun Jahren erreicht hat.

Bei dem Thema, mit dem er die Wahl für sich entscheiden wollte und das jetzt zum Bumerang zu werden droht, klingt Koch auch nicht milder. Kein Wort des Bedauerns über seinen Fehltritt bei der Bestrafung von Kindern. Stattdessen die Ankündigung, das Thema Jugendgewalt auf der Tagesordnung zu halten – „auch wenn die Umfragen nicht so sind, wie sie mir gefallen“. Es folgen Geschlossenheitsappelle und ein Verweis auf die bundespolitische Bedeutung, von dem man nicht so genau weiß, ob er der Kanzlerin angesichts der eingetrübten Erfolgschancen auch recht ist. „Niemand soll sich täuschen“, ruft Koch mit seiner heiseren Stimme in den Saal: „Von dieser Wahl werden viele Signale ausgehen, auch für Berlin.“ Er wolle in Hessen „einen Beitrag dafür leisten, dass eine bürgerliche Mehrheit in Deutschland unter der Führung von Angela Merkel möglich ist“.

Ob das genügt? Am Sonntag hat Roland Koch noch eine weitere gute Gelegenheit, den Stimmungsumschwung der letzten Tage zu stoppen oder umzukehren. Um zwölf Uhr mittags trifft er im Studio eins des Hessischen Rundfunks in Frankfurt zum TV-Duell auf Andrea Ypsilanti. 90 Minuten soll das Wortgefecht dauern, 90 Minuten, die wahlentscheidend sein könnten.

Leicht wird auch das nicht für Koch. Der Regierungschef eines der wirtschaftlich erfolgreichsten Bundesländer hat es in neun Jahren nicht geschafft, eine enge Bindung zu seinen Landsleuten aufzubauen. Anders als etwa sein niedersächsischer Amtskollege und parteiinterner Rivale Christian Wulff aus Niedersachsen wird Roland Koch zwar wegen seiner Fachkompetenz respektiert. Das heißt aber nicht, dass er auch gemocht wird. Koch weiß das, aber er kann es nicht ändern. Er ist in seiner Rolle des konservativen Hardliners gefangen.

Und so wird Ypsilanti am Sonntag mit einem dreifachen Vorteil vor die Kameras treten. Sie wirkt auf die meisten Hessen nicht nur sympathischer und reitet auf einer Erfolgswelle in den Umfragen, sie verfügt auch über eine Art Herausforderer-Bonus.

Wie Koch das Duell für sich entscheiden will, darüber mag er vorher nicht sprechen. Die SPD-Linke Ypsilanti rechnet damit, dass „er versuchen wird, mich vorzuführen, dass ich nicht die Kompetenz dazu habe, das Land zu regieren. Das ist seine Chance zu zeigen, dass er es kann und ich nicht.“

Die 50-jährige Soziologin mit dem griechischen Nachnahmen aus einer lange geschiedenen Ehe macht dieser Tage aber nicht den Eindruck, als fürchte sie sich – im Gegenteil. Am Mittwoch zum Beispiel tourte sie mit einem Tross Journalisten aus dem In- und Ausland gutgelaunt durchs Land. Anders als Roland Koch wirkte sie dabei wie gedopt. In ihrer Partei glauben sie jetzt ernsthaft, Ypsilanti könne Hessens Ministerpräsidentin werden, auch wenn eine rot-grüne Mehrheit ohne Unterstützung von Linkspartei oder FDP nicht in Sicht ist. Wunderglaube?

Dagegen spricht der Einsatz von Ex-Außenminister Joschka Fischer. Der Obergrüne a. D. greift am Montagabend in Wiesbaden in den Wahlkampf ein. Für Koch und Co. ist das kein gutes Zeichen. Denn im Fall Fischer kann man ganz sicher von einer Prämisse ausgehen: Freiwillig hat er sich noch nie in eine Schlacht gestürzt, die nicht zu gewinnen war.

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