Zeitung Heute : Angst haben

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR WEIHNACHTEN?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Mein erstes Bild vom Weihnachtsmann sieht so aus: Ein kleiner Junge, damals trug er noch keine Brille, sitzt zusammengekauert auf einer Bank. Neben ihm hockt der Weihnachtsmann mit einem Sack und einer Rute. Er lächelt den Jungen milde an. Doch der brüllt vor Angst, Tränen kullern. Der Junge bin ich; das Foto habe ich im Schrank versteckt.

Mein zweites Bild vom Weihnachtsmann sieht so aus: Ein etwas größerer Junge, inzwischen hat er eine Brille, läuft durch einen schneebedeckten Wald im Erzgebirge. Der Wald ist voller Tannen; er ist so dicht bewachsen, dass man den Himmel nicht sehen kann. Neben dem Jungen laufen seine Tanten und Onkel aus dem Erzgebirge; und während der Junge, der doch eigentlich keine Angst mehr vor dem Weihnachtsmann haben wollte, mit bangem Blick durch den dichten Wald streift, sagt seine Tante mit donnernder Stimme: „Hier wohnt Knecht Ruprecht.“ Und der Junge bekommt einen Schreck, den er bis heute nicht vergessen hat. Und den er nirgendwo verstecken kann.

Weihnachten – das Fest der Angst. Davor, dass der Weihnachtsmann alle Fehler des Jahres mitbekommen hat. Davor, dass er nicht zu seinem schweren Sack mit den Geschenken greift, sondern zur Rute. Heute, am 29. Heiligabend meines Lebens, weicht diese Angst jedoch einer anderen: der, am Heiligabend etwas falsch zu machen. Es ist die Angst, zu viel Angst zu verbreiten – oder zu wenig. Heute bin ich zum ersten Mal der Weihnachtsmann.

Drei liebe Familienväter, denen ich den Gefallen nicht abschlagen kann, haben mich gebeten, Geschenke an ihre Kinder zu verteilen. Sie stellen das Taxi, den Mantel, den Sack und die Rute. Aber die Angst können sie mir nicht nehmen. In meinem Kostüm bin ich auf mich allein gestellt; und vor mir werden vielleicht kleine Jungen stehen, die weinen und schreien. Was soll ich dann tun?

Ich habe mich vorbereitet, so gut es geht. Ich bin in meine erzgebirgische Heimat gefahren, um die Spur von Knecht Ruprecht zu suchen. Im Tannenwald, der noch dichter und höher geworden ist, habe ich ihn nicht gesehen. Nur einen Fuchs. Aber dann, kurz vor meiner Abreise, ist mir klar geworden, wie ich die Angst besiegen kann.

Ich stand auf dem Weihnachtsmarkt von Annaberg-Buchholz. Vor mir hockte ein Knecht Ruprecht, um ihn herum standen Kinder und sahen ihn verschüchtert an. Ein Mädchen begann zu weinen, es wollte wegrennen. Doch der Weihnachtsmann ließ sich nicht entmutigen. Er holte einen Bonbon aus seinem Sack und sagte sanft: „Warte, sag mir ein schönes Gedicht auf.“ Und das Kind begann: Stotternd die erste Strophe, zögernd die zweite, mutig die dritte. Nach der fünften Strophe lächelte das Mädchen erleichtert, am Ende applaudierten die anderen Kinder. Der Weihnachtsmann holte noch ein paar Bonbons aus dem Sack. Und das Mädchen sagte: „Du bist ein lieber Knecht.“

Gestern habe ich vorsorglich eine Tüte Bonbons gekauft. Jetzt habe ich nur noch Angst, dass die Kinder keine Gedichte können.

Elke Müller-Mees: Neue Weihnachtsgedichte für Kinder. Urania Verlag, Stuttgart 2002; 9,90 Euro.

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