Zeitung Heute : Angst vor dem Pulverfass

Der Tagesspiegel

Von Claus-Dieter Steyer

Heckelberg/Rüdersdorf. Ein hoher Bohrturm bestimmt schon von weitem die Silhouette des 20 Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Heckelbergs. In dem kleinen Dorf ist allerdings kein Öl- oder Erdgasfieber ausgebrochen. Ziel des Bohrers sind vielmehr Hohlräume in rund 1000 Meter Tiefe.

Geologen haben diese seltenen Gesteinsformationen schon zu DDR-Zeiten entdeckt. Doch erst jetzt wird der so genannte Schwamm unter Heckelberg wirtschaftlich genutzt: Unmengen von salzhaltigem Wasser werden ab diesem Spätsommer in den Heckelberger Untergrund gepumpt. Diese Sole kommt per Rohrleitung aus dem rund 50 Kilometer entfernten Rüdersdorf östlich von Berlin. Dort wird sie ebenfalls aus rund 1000 Meter Tiefe gewonnen.

Alle Arbeiten dienen dem lange umstrittenen Bau eines riesigen unterirdischen Erdgasspeichers am Rande von Rüdersdorf. „Wir spülen Wasser in den Salzstock, lösen damit die Kristalle, saugen die Sole ab und erhalten den gewünschten Raum für unser Erdgas“, sagt der beim niedersächsischen Unternehmen EWE AG zuständige Projektingenieur Werner Harms. Die Firma versorgt in Ostbrandenburg rund 147 000 Kunden mit Erdgas und ist damit Marktführer in der Region. Mit dem Speicher sollen die jahreszeitlich bedingten Schwankungen im Absatz ausgeglichen werden. Im Sommer geht der Verbrauch bekanntlich stark zurück, während er im Herbst wieder ansteigt.

Lange war der Verbleib der ausgespülten Sole aus Rüdersdorf ungeklärt. Das Vorhaben der EWE AG, das salzhaltige Wasser in die Oder zu pumpen, rief Umweltschützer aus Deutschland und Polen gleichermaßen auf den Plan. Sie befürchteten erhebliche Schäden für die Flora und Fauna des Grenzflusses, zumal sich die geplante Einleitungsstelle unweit des Nationalparks Unteres Odertal befand. Also ließ das Gasunternehmen den Untergrund von Heckelberg genauer untersuchen. „Um Zeit zu gewinnen, wollten wir sowohl in die Oder einleiten als auch in die Erde verpressen“, erklärte der EWE-Vorstandsvorsitzende Werner Brinker. „Doch für den Fluss erhielten wir keine Genehmigung, so dass uns jetzt nur noch die Variante Heckelberg bleibt." Schon seit zehn Jahren laufen die Planungen für den Erdgasspeicher. „Zwei Jahre haben wir mindestens durch den Kampf der Bürgerinitiative verloren“, sagt Ingenieur Harms. „Die Unsicherheit der Menschen war groß.“ Auch die Brandenburger Behörden hätten sich mit der Genehmigung des Speicherbaus schwer getan.

Die Bürgerinitiative gegen den Erdgasspeicher hält das Vorhaben auch weiterhin für ein „Vergehen an der Natur“, wie ihr Chef Volker Müller sagt. Kritisiert wird etwa, dass das Wasser für die Ausspülung - schätzungsweise 300 Kubikmeter pro Stunde - aus dem Rüdersdorfer Mühlenfließ kommt. Ebenso fürchteten sich die Rüdersdorfer vor den Gefahren eines „unterirdischen Pulverfasses“, wie der Speicher auf Flugblättern genannt wurde. Inzwischen hat das zuständige Brandenburger Oberbergamt alle Einsprüche zurückgewiesen und das Projekt genehmigt.

Geplant sind vier so genannte Kavernen in rund 100 Meter Tiefe. Sie sind jeweils rund 400 Meter hoch und besitzen einen Durchmesser von 80 Metern. Insgesamt sollen hier drei Milliarden Kubikmeter Erdgas hinein gepumpt werden. Das wären 30 Prozent des jährlichen Absatzes der EWE in Ostbrandenburg. 2005 soll der erste Hohlraum in Rüdersdorf fertig ausgespült sein. Unter Heckelberg werden bis dahin wesentliche Teile des porösen Untergrundes mit Salzwasser gefüllt.

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