Zeitung Heute : Angst vor neuer Welle der Gewalt

Der Tagesspiegel

Von Frank Jansen

Potsdam. Die Polizei ist beunruhigt: Angesichts der jüngsten Serie rassistischer Angriffe wächst die Sorge vor einem erneuten Anstieg rechter Kriminalität. „Wir befürchten, dass das wieder losgeht“, sagte gestern der Inspekteur der Brandenburger Polizei, Bruno Küpper, dem Tagesspiegel. Nach einem eher ruhigen Jahresbeginn zeigten die Fälle der letzten 14 Tage, „wir sind noch nicht über den Berg“. In Basdorf, Templin und Hennigsdorf waren, wie berichtet, eine deutsch-türkische Familie sowie zwei Türken und ein Inder attackiert worden. Nach Informationen des Tagesspiegels hat sich am Dienstag ein weiterer Fall in Niemegk (bei Belzig) ereignet. Die Mutter eines zehnjährigen, dunkelhäutigen Jungen wandte sich am Mittwoch an die Polizei und berichtete, ein jüngerer Mann habe ihrem Sohn ein Messer an den Hals gesetzt. Der Angreifer habe gedroht: „Ich kriege dich noch“.

Nach Angaben der Mutter, die mit einem Angolaner verheiratet ist, soll der Mann auch am 26. Februar das Kind als „Bimbo, Affe, Neger“ beschimpft haben. In Sicherheitskreisen hieß es, der 18 Jahre alte Tatverdächtige sei schon früher mit Delikten wie Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Bedrohung und Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen in Erscheinung getreten.

In der Nacht zum vergangenen Sonntag hatten mehrere Männer zwei Türken in Hennigsdorf attackiert. Die Opfer kamen mit leichten Verletzungen davon. Ein Inder wurde, ebenfalls am Wochenende, in seiner Wohnung in Templin überfallen. Der 21 Jahre alte Angreifer schlug dem Asiaten dreimal ins Gesicht. Schon am Dienstag verurteilte das Amtsgericht Prenzlau den Schläger zu fünf Monaten Haft.

Bei einer Umfrage unter den Brandenburger Polizeipräsidien war zu erfahren, dass in den Monaten Januar und Februar etwa zehn Gewalttaten mit rechtem Hintergrund registriert worden sind. In den ersten beiden Monaten 2001 waren es noch 19. Auf den Rückgang hatten die Sicherheitsbehörden mit vorsichtigem Optimismus reagiert. Die Taten im März haben allerdings Ernüchterung ausgelöst. Vor allem die nicht enden wollende Serie von Attacken auf die deutsch-türkische Familie Canaydin in Basdorf hat die Polizei alarmiert. Am Dienstag war der Tiefpunkt erreicht: Erst steuerte ein aus Berlin stammender Mann seinen Ford Mondeo offenbar gezielt auf Martina Canaydin und eine Tochter zu. Kurz darauf fuhr ein Jugendlicher aus Basdorf mit seinem Motorrad so dicht heran, dass die Mutter zur Seite springen musste.

Seit September letzten Jahres seien zehn Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung, Beleidigung und Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen eingeleitet worden, sagte gestern der Leiter des Schutzbereichs Bernau, Arne Feuring. Die Polizei hat eine vierköpfige Ermittlungsgruppe gebildet. Außerdem fährt jede Stunde ein Streifenwagen am Haus der Canaydins vorbei. Feuring, die Eberswalder Polizeipräsidentin Uta Leichsenring und Basdorfs Bürgermeisterin Heidi Freistedt planen nun eine zweite Bürgerversammlung, bei der die bedrohte Familie ihre Situation schildern kann. Eine erste Veranstaltung im November fand kaum Resonanz – zu dem Runden Tisch erschienen nur 20 Basdorfer.

Feuring hofft, dass die Familie im Ort bleibt. „Es wäre ein katastrophales Zeichen, wenn die Canaydins wegziehen würden“, sagte der Polizeioberrat. „Dann denken die Ausländerfeinde: Seht mal, die können wir wegekeln.“ Warum die Familie gemobbt wird, erklärt sich Feuring so: „Eine deutsch-türkische Familie, und dann noch mit sechs Kindern, passt offenbar nicht in die übliche Vorstellung mancher Bürger“.

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