Anhalter Bahnhof : Alles auf Tschick

Als der unheilbar an einem Hirntumor erkrankte Berliner Schriftsteller Wolfgang Herrndorf Mitte Januar die zwölfte Lieferung seines Blogs „Arbeit und Struktur“ ins Internet stellte, entfuhr ihm am Ende seiner sonst nüchternen, selbstmitleidlosen Eintragungen doch noch ein Stoßseufzer: „Gerade werden die Filmrechte verhandelt“, schrieb Herrndorf und meinte die Filmrechte an seinem Roman „Tschick“. „Und das ist vielleicht der Punkt, wo ich dann doch so eine Art von Ressentiment empfinde: 25 Jahre am Existenzminimum rumgekrebst und gehofft, einmal eine 2-Zimmer-Wohnung mit Ausblick zu haben. Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen, und es gibt nichts, was mir egaler wäre.“

Vermutlich hat sich bei Herrndorf an dieser Egal-Haltung nicht viel verändert; „Tschick“ aber entwickelt sich weiterhin zu einem der erstaunlichsten Bucherfolge der vergangenen Jahre. Erschienen im September 2010, steht der Roman über zwei halbwüchsige Ausreißer, die mit einem gestohlenen Lada in die Walachei wollen, seit 16 Wochen in den Bestsellerlisten, immer zwischen Platz 15 und Platz 25. In der Branche nennt man das einen „Longseller“. Auch die inneren Zirkel des Literaturbetriebs haben reagiert, zumal „Tschick“ bei der Frankfurter Buchmesse so gar kein Thema war. Herrndorf hat gerade den Clemens-Brentano-Preis gewonnen, und sein Roman wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Das Publikum hat sein Votum schon abgegeben. In einer Internetumfrage erhielt „Tschick“ die meisten Stimmen der fünf nominierten belletristischen Bücher, weit vor dem in den Bestsellerlisten noch besser platzierten Buch von Arno Geiger über die Demenz seines Vaters. Das erinnert daran, dass Herrndorf schon einmal die Ehre eines Publikumspreises erhielt, 2004 in Klagenfurt, für eine Erzählung über einen kleinen Jungen und einen Mittdreißiger, die sich in einer lauen Berliner Sommernacht auf einem Balkon über Mondlandungen und ihr Leben unterhalten.

Nun ist es nicht ganz abwegig, den Erfolg von „Tschick“ mit dem Schicksal seines Autors in Verbindung zu bringen – und damit, dass Herrndorf mittels seines Blogs offen mit seiner Krebserkrankung umgeht. Zumindest das mediale Interesse hätte nicht diese Eigendynamik entfaltet, wäre Herrndorf ein gesunder Mittvierziger, der gerade sein drittes Buch veröffentlicht. Das Gute ist, dass bislang wohl niemand, der „Tschick“ gelesen hat, sich von irgendwelchen Medien über den Tisch gezogen fühlt. Der Roman braucht keinen Mitleidsbonus, die ganze Aufmerksamkeit hat er vollends verdient. Gerrit Bartels

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