Anhalter Bahnhof : Alles muss raus

Ach, es war die Nachtigall. Raus aus dem Haus, rauf auf die Waldbühne und den Gendarmenmarkt: Die Musik traut sich das schon länger und scheut die Konkurrenz zu den Vögeln nicht. Konzerte mit Frischluft samt Regenschauer und Gewitter mögen dem kostbaren Holz der Geigen zusetzen. Aber ein Sommer ohne Klassik open air, undenkbar. Zu schweigen von den Pop- und Rockfestivals.

Neuerdings muss wirklich alles raus. Das Theater – Griechenland! Dionysos! – ist zwar schon seit 2500 Jahren Freiluftfanatiker, aber so viele Seebühnen, Parktheater und Nibelungenfestspiele gab es noch nie. Die Literatur, von Natur aus eher eine Indoorkunst, leistet sich Draußenfestivals von Zürich bis Leipzig. Tango unterm Sternenhimmel ist in Berlin besonders beliebt, und der Film wartet gern, bis es dunkel wird, um im Freiluftkino zu unterhalten, mit Pommes rot-weiß und Rauchen erlaubt. Die leeren Flaschen bitte in die Kisten räumen, die Aschenbecher am Ausschank abgeben: Freiluftkultur erinnert immer ein bisschen an Zeltlagerzeiten.

Und jetzt die Berlinale. Mit den Filmfestspielen ist es wie mit den armen Menschen, die im Winter Geburtstag haben. Nie können sie zu Picknick, Hoffest oder Grillparty laden. Aber wo Kälte ist, wächst das Wärmende auch. Warum nicht da capo im Sommer und einfach noch mal feiern? Nächsten Donnerstag startet die Sommer-Berlinale im Freiluftkino Friedrichshain, die Festivalmacher präsentieren Lieblingsfilme und Sebastián Lelio, Regisseur von „Gloria“, der diesjährigen Berlinale-Königin der Herzen, reist Ende des Monats persönlich an, aus Santiago de Chile nach Spree-Athen.

Selbst die bildende Kunst scheut den freien Himmel nicht mehr, wer keine Herberge hat, hat schließlich keine andere Wahl. Die Galerie C/O Berlin bekommt 2014 ein neues Domizil im Amerika-Haus, das dauert, also wird erst mal die Baustelle bespielt. Ab Freitagabend, mit der Open-Air-Schau „Bourgeoisie, Swing und Molotow-Cocktail“ über die Geschichte des Hauses, mit Fotos auf Displays, gratis und rund um die Uhr.

Wenn bloß immer Juli wär’! Festivalsaison, Sommertheater das ganze Jahr! Die Kultur lässt die Hüllen fallen, kennt keine Schließtage mehr, keine fröstelnden Stars – und die trockene Kehle muss nie bis zur Pause warten. Man könnte sich jetzt schlaue Gedanken über Klima und Kunst, Party, Protest (Taksim! Tahrir!) und Parade machen, über den Zusammenhang zwischen Karneval und Kultur. Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt – ach, das heben wir uns auf, für heiße Thesen in der kalten Jahreszeit. Christiane Peitz

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