Anhalter Bahnhof : An der Grenze

Der Student Jens Stober hat mit "1378 (km)" einn Shooter kreiert, mit dem er zum Nachdenken anregen will. Nachdenklich stimmt er auch, denn in dem Spiel kann man auf Flüchtlinge an der innerdeutschen Grenze schießen.

Die Berliner Mauer ist auch für die jüngeren Deutschen ein Begriff. Doch dass es in Deutschland eine Grenze von 1378 Kilometern Länge gab, die das Land in Ost und West spaltete, das können sich viele Jugendliche heute nicht mehr vorstellen. So hat es der 23-jährige Jens Stober empfunden, der an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe Medienkunst studiert. Sein Weg zur Erinnerung ist selten drastisch, denn sein Ego-Shooter „1378“ – der vom 3. Oktober an als kostenloser Download verteilt werden soll – spielt mitten im Todesstreifen an der innerdeutschen Grenze.

In „1378“ gilt das „Counterstrike- Prinzip“: Es gibt die Guten und die Bösen. Doch anders als bei der Terroristenbekämpfung sind die Gewichte in „1378“ sehr einseitig verteilt. Der Republikflüchtling hat nichts außer seiner Angst vor den tödlichen Schüssen. Als Grenzsoldat steht dem Spieler das geballte Gewaltmonopol des DDR-Staates zur Verfügung. „Buchstäblich grenzwertig“, nennt es darum auch die Bundesstiftung Aufarbeitung, wenn Kinder oder Jugendliche in „1378“ auf Grenzflüchtlinge schießen, „geschmacklos“ sagt der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier.

Jens Stober verbindet mit der DDR keinerlei persönliche Erfahrungen. Mit seinem Shooter will er, wie es so schön heißt, zum Nachdenken anregen. Tatsächlich gibt es zwischen „1378“ und anderen Vertretern des Ballerspiel-Genres gravierende Unterschiede. Der wichtigste ist das negative Belohnungsprinzip, Stober nennt es die „Kill- Grenze“. Nach einem Todesschuss wird der Soldat in die Zukunft teleportiert, wo er sich als Angeklagter in einem Mauerschützenprozess wiederfindet und für eine Zeit ins Gefängnis muss. In der Realität kam dies allerdings nach der Wiedervereinigung nur dreimal in besonders schweren Fällen vor. Wer hingegen im Spiel die Flüchtlinge gewaltlos am Grenzübertritt hindert, kann gleich weiterspielen. Oder noch besser: Der Soldat wird selbst zum Flüchtling.

Doch mit der historischen Realität hat „1378“ nur den Schauplatz gemein. Das zeigt eine einfache Frage: Würde es dieses Spiel geben, wenn die Grenze noch existierte? Selbst als „Wessi“ war der Grenzübertritt zumeist eine unangenehme Erfahrung. Die Menschen in der DDR verbinden mit dem „Antifaschistischen Schutzwall“ noch ganz andere Dinge. Wer dieser staatlichen Willkür ausgesetzt war, kann kaum nachvollziehen, wie man diesen Teil der deutschen Geschichte jetzt mit einem Shooter nachspielt – mit oder ohne Baller-Diplom. Kurt Sagatz

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!