Anhalter Bahnhof : Ankunft Kippenberger

Martin Kippenberger liebte den großen Bahnhof, seine runden Geburtstage zelebrierte er jedes Mal als Event. Nun bekommt er ihn endlich, genauer: den Hamburger Bahnhof – sozusagen als Geschenk zu seinem Sechzigsten, auch wenn er die Ausstellung im Berliner Museum für Gegenwartskunst selbst nicht mehr erlebt. 1997 starb er viel zu früh, mit gerade einmal 44 Jahren nach einem wilden, sich in alle Richtungen verströmenden Leben.

In den vergangenen 15 Jahren hat die Museumswelt, haben Sammler erst wirklich erkannt, was sie an ihm gehabt haben. Seine Werke erzielen auf internationalen Auktionen mittlerweile Rekorde. Zu Lebzeiten hatte der Unruhegeist allzu viele verstört. Als einziges Museum in Deutschland richtete ihm das Museum Abteiberg in Mönchengladbach eine Retrospektive ein, damals war er schon schwer von der Krankheit gezeichnet. Heute gilt der Maler, Bildhauer, Performer, Musiker, Publizist und begnadete Entertainer als ein Wegbereiter der jungen Kunst, als eine der wichtigsten Figuren für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Bundesrepublik.

Wenn der Hamburger Bahnhof ihn mit einer Werkschau würdigt, die am 22. Februar drei Tage vor seinem Geburtstag eröffnet, dann hat das etwas von der Heimholung eines verlorenen Sohnes der Stadt, einer späten Ehrung. Auch wenn der aus dem Ruhrgebiet stammende Künstler in vielen Städten gelebt und dort seine Spuren hinterlassen hat, in Köln, in London, in Paris, in Los Angeles, in Wien, in Tokio – Kippenberger und Berlin, das war eine besonders explosive Mischung. Hierher kam er in den Siebzigern, um die Szene aufzumischen. Legendär waren seine Auftritte in dem Kreuzberger Club SO 36, den er selbst mitbegründete, sagenhaft die Gelage in der Paris Bar, wo er für die von ihm gemalte Bildergalerie an der Wand frei Essen und Trinken erhielt. Noch heute steht seine „besoffene“ Laterne vor der Tür mit schlängelig gebogener Stange. Sie dient Kunstfreunden wie Restaurantbesuchern gleichermaßen als Orientierung.

Die Durchdringung von Werk und Leben war für Kippenberger Programm. So hat er an vielen Orten der Welt – auf einer griechischen Insel, im kanadischen Dawson – für sein globales „Metro-Net“ U-Bahn-Stationen eingerichtet, die allerdings nur bis zum unterirdischen Eingang führten. Den subversiven Rest musste sich der Betrachter denken. Ab nächste Woche steht auch der Hamburger Bahnhof auf dem Fahrplan. Wenn auch mit Verspätung. Nicola Kuhn

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