Anhalter Bahnhof : Auf der Nebelbank

Wir tappen im Nebel. Tasten uns vor, Schritt für Schritt. Stehen plötzlich vor einer Wand. Wir haben uns verlaufen, wissen nicht mehr weiter. Der Nebel verfolgt uns, scheint unsere Gedanken zu lesen und Gefühle aufzunehmen. Der Nebel färbt sich grün wie die Hoffnung, rot wie die Wut, weiß wie die Angst. Um hier herauszufinden, brauchen wir Geduld und Fantasie, der Orientierungssinn ist ausgeschaltet. So wandern wir im Kreis, während der Nebel immer dichter wird ...

Es klingt nach Hexerei und Horrorfilm – und ist doch nur ein ausgeklügeltes Zusammenspiel von Wasserdampf und Leuchtröhren. Eine Erfahrung, die jeder machen kann in Olafur Eliassons Ausstellung „Innen Stadt Außen“ im Berliner Martin-Gropius-Bau. Die Nebelkammer bildet den Schlusspunkt einer spektakulären Kunstaktion, die an ein Wort Goethes erinnert: „Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden.“ Eliasson, ein Star der zeitgenössischen Kunstszene, hat mit seiner Nebelkammer etwas geschaffen, das dem Zustand der Welt sehr nahe kommt – unserer Befindlichkeit in ihr.

Naturkatastrophen, Finanzkollaps, existenzielle Unsicherheit, Ohnmacht und Aktionismus. Das ist der Nebel, in dem wir herumstochern, in dem Regierungen und ganze Staaten zu verschwinden drohen. Ein Nebel, gegen den man sein Haus nicht abschotten kann, der überall durchkommt, der zunimmt, wenn er sich gerade gelichtet hat.

Die Menschen stehen Schlange vor dem Gropius-Bau, um Eliassons Illusionen zu erleben und Frida Kahlos Bilder, die von persönlichen Katastrophen erzählen. „Your blind movement“ nennt der Künstler, der aus Island stammt, der Heimat der Geysire, Vulkane und der Aschewolke, seine Farb-Sauna. Blinde Bewegung. Ein Besucher spricht am Ausgang von einer Nahtoderfahrung, von einem Lichttunnel, durch den er gewandert sei, ins Leben zurück. Andere kichern, die meisten sind feierlich still. Keiner offenbar kommt unverändert heraus aus diesen Nebelbänken.

„Meine Arbeiten sind nur dann gut, wenn sie im Zusammenhang mit dem, was sonst in der Welt los ist, gesehen werden“, sagt Olafur Eliasson. Es hat auch etwas Beruhigendes, in die Farbnebel einzutauchen, sich zu versenken und treiben zu lassen, in diesen kalten, dunklen, chaotischen Tagen. Ein Traum? Auf angenehme Weise geht dabei das Zeitgefühl verloren, die Momente dehnen sich zu einer kleinen Ewigkeit, der Körper wird leicht. Wieder draußen, wo die Wartenden frieren, haben wir die Empfindung geschärfter Sinne. Und einer überwundenen Krise. Rüdiger Schaper

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