Anhalter Bahnhof : Aus den Ohren, aus dem Sinn

Anhalter Bahnhof

Die Situation ist eigentlich absurd, und dass sie sich häuft, macht das Ganze nicht sinnträchtiger. In Fukushima herrscht drei Wochen nach dem Fast- Super-GAU das blanke Chaos, und in Heilbronn spielen sie am Freitag Werke von Buxtehude, Bach und Mozart. In Sendai haben die Menschen alles verloren, leiden Hunger und Kälte, und von Göttingen bis Trier bis Hinterposemuckel lauschen Musikliebhaber den Klängen von Schubert, Mendelssohn und Richard Strauss. Die Bevölkerung von Tokio lebt im Bewusstsein, dass die Mega-City im Ernstfall nicht evakuiert werden kann, und in Berlin geben sich die Philharmoniker und die Staatskapelle erstmals gemeinsam die Ehre – mit Brahms und Tschaikowsky, Rattle und Barenboim.

Empathie ist gut, macht aber weder satt noch gesund noch wieder lebendig. Was auch niemand behauptet, im Gegenteil. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral – selten war der alte Brecht so anschaulich wie seit dem 11. März 2011. Moral aber ist das Einzige, was uns in der Ferne momentan bleibt. Moral, Empathie, Musik und Geld vielleicht. So schlagen die Stunden, Tage, Wochen und, wer weiß, Monate der Benefizkonzerte. Das ist in Deutschland besonders heftig der Fall, wo die Musik traditionell mehr repräsentiert als nur sich selbst. Zeigen, was man hat und kann, was man sich leisten darf und gönnen mag – und obendrein Gutes tun: Das ist die Formel eines bürgerlichen Selbstbewusstseins, das, lange totgesagt, hierzulande nun seine fröhlich-traurigen Urständ’ feiert. Deshalb machen wir für Japan Musik, hauptsächlich klassische übrigens, und schlagen nicht Rad oder backen Rhabarberkuchen.

Spontane Benefizkonzerte reihen sich an spontan geplante; manche haben Schirmherren, manche nicht; oft wird vorher geredet, immer öfter auch nicht mehr. Und: Die Schweigeminute als Ritual wird seltener. Die Musik spricht also mehr und mehr für sich – und tut dies in einer geradezu erschreckenden Konventionalität der Programme. Nur Beethovens Fünfte und Mozarts Kleine Nachtmusik rühren offenbar die Spenderherzen. Ein Vorschlag zur Güte, auch um die Weite unseres avantgardistischen Bewusstseins bei aller Mild- und Wohltätigkeit nicht vollends aus den Ohren zu verlieren: Wie wäre es bei nächster Gelegenheit mit John Cages „4’33“, einer repräsentativen Komposition für Symphonieorchester, in der vier Minuten und 33 Sekunden lang kein einziger Ton erklingt? Nur Stille. Nur Schweigen. Im Angesicht des anhaltenden Entsetzens. Christine Lemke-Matwey

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