Anhalter Bahnhof : Borussias Friedrich

Wer ist Deutscher Meister? BVB Borussia! /Wer ist Deutscher Meister? Borussia BVB! Hey!“ Mit schlichten Worten umfasst die schwarz-gelbe Hymne die Ereignisse des bald verflossenen Jahres 2011. Es war das Jahr der jungen Borussia, wobei das Dortmunder Wunder schnell Schule gemacht und bei der Borussia in Mönchengladbach einen ungeahnten Energieschub freigesetzt hat. Der Trainer dort heißt Favre, er war auch mal kurz bei der Hertha in Berlin, aber das ist eine andere Geschichte. Andere Clubs haben Erfolg, Hertha BSC holt immer nur Nachfolger. Es ist wie mit dem Berliner Stadtschloss. Es gibt eine prächtige Kulisse, eine pompöse Verpackung (das Olympiastadion), aber drinnen scheiden sich die Geister, streiten ohne Ende.

Auch 2012, das steht schon fest, wird ein Borussia-Jahr. Nicht unbedingt, dass am Ende wieder die Dortmunder Windspiele an der Spitze stehen, oder womöglich die Gladbacher Fohlen. Am 24. Januar 2012 jährt sich zum 300. Mal der Geburtstag Friedrichs des Großen, des Dreispitzes mit den stechenden Augen, mit den „Alten-Fritzen-Augen“, wie Fontane in einem Gedicht zur Enthüllung eines Friedrich-Denkmals mit liebevollem Spott schrieb („Blitz’ nur herab von deiner Wacht,/ Solch Wächter mag uns taugen“). Es wird eine Friedrich-Welle kommen, wie man sie noch nicht erlebt hat. Die ersten Ausläufer haben den Buchmarkt erreicht, mit Friedrich-Biografien und Friedrich-Lesebüchern. Festakte wird es geben, Ausstellungen in Berlin und Potsdam, Konzerte, Opern- und Theateraufführungen etc. 150 Veranstaltungen listet www.friedrich300.de auf. Er war ein „Schöngeist und Scheusal“, wie es in Jens Biskys Friedrich-Buch „Unser König“ heißt. Unser König? Das ist gewagt. Was hätte der Fritz mit uns zu tun, wo zeigt sich heute lebendiges Preußentum? Ach ja: Borussia ist neulateinisch und bedeutet Preußen, als Begriff und Allegorie. Damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, war es wohl Ausweis patriotischer Gesinnung, einen Ballspielverein im Westen preußisch zu taufen (Preußen Münster). Nach einer Dortmunder Legende sei es im Jahre 09 aber nicht so sehr um Preußen als Staatsmacht gegangen, sondern wegen eines Borussia-Biers geschehen.

Als Kultobjekt hat Preußens Friedrich in der deutschen Geschichte wenig Konkurrenz. August der Starke? Ludwig, der Märchenkönig? Friedrich Barbarossa? Kriegskaiser Wilhelm? Zu weit weg, zu regional, zu irre. Friedrich der Große ist der Widersprüchlichste. Vielleicht ist es das, was den Alten frisch hält, nicht nur in Preußen-Jahren. Rüdiger Schaper

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