Anhalter Bahnhof : Charlie Hebdo verletzt Gefühle - Na und?!

Satire gibt es nicht zum halben Preis: ganz oder gar nicht, ist unsere Kolumnistin überzeugt. Die Kritik von PEN-Präsident Josef Haslinger, Charlie Hebdo verletze mit seiner Satire religiöse Gefühle, kontert sie mit einem: Ja und?

Gibt es Grenzen der Satire? Darf jeder Witz gerissen werden, wenn er als solcher gekennzeichnet ist?
Gibt es Grenzen der Satire? Darf jeder Witz gerissen werden, wenn er als solcher gekennzeichnet ist?Foto: dpa

Satire ist Spott. Satire ist böse, respektlos, provozierend, verletzend, sonst wäre sie keine. Satire ist super, denn sie erlaubt uns vermeintlich zivilisierten Wesen, den inneren Schweinehund an der kurzen Leine spazieren zu führen, ohne dass Gefahr für Leib und Leben anderer besteht. Kein Mensch ist frei von Vorurteilen, Aggression und Wut. Was also tun, wenn es keimt, das Körnchen Hass? Ab damit in den Witz, die Pointe, die Karikatur, die Trashkomödie. Im besten Fall hält die Satire dem Ressentiment dann einen Zerrspiegel vor.

Satire weiß um die Begrenztheit der Toleranz und kontert mit einem Lachen

Nun sagt der deutsche PEN-Präsident Josef Haslinger, das Satireblatt „Charlie Hebdo“ überziehe religiöse Menschen mit Spott, dadurch fühlten sich viele beleidigt. Der Schriftsteller wirft dem Satiremagazin vor, dass es ein Satiremagazin ist. Er ist nämlich dagegen, dass die französische Zeitschrift, auf die am 7. Januar ein islamistischer Anschlag mit zwölf Toten verübt worden war, vom amerikanischen PEN einen Preis für Mut und Meinungsfreiheit erhält. „Charlie Hebdo“ trage in Paris zur Verschärfung des Klimas zwischen den gesellschaftlichen Gruppen bei und nicht zur Versöhnung, erklärte Haslinger im Deutschlandradio. Es ist die alte Selber-schuld-Logik: Sind Fundamentalisten in der Nähe, ist besser Schluss mit lustig. Eine Logik, die Opfer und Täter verwechselt.

Auch in den USA kritisieren Schriftsteller und internationale PEN-Mitglieder die Auszeichnung und wollen der Preisgala am 5. Mai fernbleiben, darunter Rachel Kushner, Michael Ondaatje und Teju Cole. Kushner bezichtigt das Magazin der „kulturellen Intoleranz“.

Noch einmal: Satire weiß um die Begrenztheit der Toleranz und kontert mit einem Lachen. Nur Witze über den Papst, keine über Mohammed, wie tolerant ist das denn? Ja, man kann sich streiten, über die „Je suis Charlie“-Solidaritätsrufe all jener, die mit Diktaturen Geschäfte machen oder diplomatische Beziehungen unterhalten. Über die Macht und die Ohnmacht von Worten und Bildern. Über das demokratische Recht auf Respektlosigkeit vor Autoritäten und den Respekt vor Minderheiten.

Josef Haslinger: wegen seiner "Satanischen Versen" mit dem Tod bedroht

PEN-Mitglieder, heißt es in der Charta der Organisation allerdings, verpflichten sich dazu, jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung entgegenzutreten. Wenn der PEN „nicht die Menschen verteidigen und feiern kann, die dafür getötet worden sind, Bilder zu zeichnen, dann ist die Organisation ihren Namen nicht wert,“ sagt jetzt Salman Rushdie. Das Selber-schuld-Argument kennt der Romancier nur zu gut, aus der Zeit, als er wegen seiner „Satanischen Verse“ mit dem Tod bedroht worden war.

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

16 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben