Anhalter Bahnhof : Clash in der Academy

Wie tickt Berlin? Pamela Rosenberg erklärt es den Gästen aus Amerika, den neuen Fellows der American Academy. Ja, die Stadt ist hip, aber die Teilung ist immer noch da, im ganzen Land, 20 Jahre nach dem Mauerfall. Sagt Rosenberg, während hinter ihr blinkende Boote über den Wannsee schippern. Es gibt die Kanzlerin, aber keine Minister aus dem Osten, angeblich auch kaum Theaterleiter, Rundfunkintendanten und Chefredakteure eines meinungsführenden Blatts mit DDR-Biografie. Ossis und Wessis haben nicht die beste Meinung voneinander, das ist statistisch erwiesen, und die Besucher der Philharmonie (West) gehen nicht ins Konzerthaus (Ost) und umgekehrt. Rosenberg muss es wissen: Sie war bis zum Sommer Intendantin der Philharmonie.

So viele Unterschiede, so viel Fremdheit, unfassbar. Das kurzweilige Academy-Ritual, bei dem jeder Neuankömmling drei Minuten hat, um sich und sein Projekt vorzustellen, straft die seltsamen Begrüßungsworte zum Glück auf der Stelle Lügen. Denn die Fremdlinge nehmen’s nicht als Warnung, sondern als frohe Botschaft. Der New Yorker Dramatiker und Holtzbrinck-Fellow Han Ong schwärmt 180 Sekunden von der Aussicht auf ein paar Monate Luxus-Fremdheit mit Seeblick. Als Schriftsteller bewegt er sich ohnehin in fremden Welten, ist mehr displaced person denn als philippinischer Amerikaner in Berlin.

Laura Engelstein aus Yale kehrt dorthin zurück, von wo ihre jüdischen Vorfahren flohen und schreibt über die tapfere Minderheit der liberalen Denker im radikalisierten Russland vor 100 Jahren. Catherine Gallagher aus Berkeley denkt die Geschichte um und forscht über WasWäre-Wenn-Romane. Was wäre, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten, wenn die Mauer noch stünde? Und wenn sie selbst, statt brav am Schreibtisch zu sitzen, nun lieber die Stadt erkundet?

Keine Angst vorm Anderssein. Der Komponist Ken Ueno macht es vor. Nein, er singt es vor. Holt aus den Tiefen seines Zwerchfells dumpfe HeavyMetal-Klänge hervor, erfreut gleich darauf mit sonorem mongolischem Kehlkopfgesang und mit John Coltranes Saxofon-Sound. Vergiss den Clash der Kulturen, der Saal vibriert unisono. Wo das Trennende dräut, wächst das Gemeinsame auch. Der Kongress tanzt? Die Academy swingt. Christiane Peitz

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