Anhalter Bahnhof : Das Geld geht zur Kunst

Künstler und Kulturleute können nicht mit Geld umgehen? Hört man oft. Ist aber Quatsch. Im Gegenteil: So stabil wie heute war der Kunstmarkt lange nicht. Kunstwerke gelten als krisensichere Anlage, sie haben nicht nur ideellen und ästhetischen, sondern immer mehr auch materiellen Wert. Und manchmal kommt all das aufs Schönste zusammen.

Was für ein Kurssprung! Das Gemälde „200 One Dollar Bills“ von Andy Warhol erzielte 2009 auf einer Auktion den Wahnsinnspreis von 44 Millionen Dollar. Wirkungsvoller hat nur der so jung verstorbene Heath Ledger „Greenbacks“ zu Kunst gemacht – in dem Batman-Drama „The Dark Knight“. Aber Ledger war Schauspieler, und der Kohle-Berg, den er infernalisch anzündet, ist Spielfilmgeld. Dennoch: Batman hat hunderte Millionen Dollar und Euro eingespielt, und die Szene gehört zu den eindrücklichsten Kinomomenten der letzten Jahre.

Oliver Breitenstein tritt da etwas bescheidener auf. Im vergangenen Sommer hingen in der Berliner U-Bahn Plakate, auf denen er seine Kontoauszüge zeigte. Kein besonders erfreulicher Anblick, weder für die Fahrgäste noch für den Münsteraner Künstler. Nun setzt sich Breitenstein mit einer neuen Aktion in Szene. In seiner Heimatstadt klebt er Geldscheine an Häuser und Straßenlaternen. Die glücklichen Finder sollen das Geld schnell ausgeben, um „die Binnennachfrage zu steigern und ein freundliches Investitionsklima zu schaffen“, verkündet der Hobby-Ökonom. Passt prima in die Vorweihnachtszeit. Und verhilft auch dem edlen Spender und Verschwender zu einer gewissen Aufmerksamkeit; in der Mediengesellschaft ein kostbares, immer knapper werdendes Gut.

Breitenstein bezahlt die Performance aus eigener Tasche. 100 Euro hat er bisher mit Aufklebern wie „Du bist ein Gewinner“ oder „Die neue Kultur des Kapitalismus“ in Kunst verwandelt. Hoffentlich waren ein paar Penner in der Nähe und haben sich Bauch und Seele gewärmt. 100 Euro! Lass stecken, Mann!

Unser seliger Christoph Schlingensief rechnete großzügiger. 1999 hatte ihn die Deutsche Bank eingeladen, ein Stück zu inszenieren. Und er hatte eine tolle Idee. Bei einer Gala der Alfred- Herrhausen-Gesellschaft wollte Schlingensief 100 000 D-Mark vom Reichstagsgebäude herabregnen lassen, unter dem Motto „Rettet den Kapitalismus!“. Da bekamen die Auftraggeber kalte Füße. Wie symbolisch-deutlich wäre das gewesen – Geld aus dem Fenster werfen! Das dürfen nur Banker: Geld versenken. Und auch nur in Milliardenbeträgen. Rüdiger Schaper

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