Anhalter Bahnhof : Das längste Wochenende

Anhalter Bahnhof

Große Ereignisse werfen Schatten. Dieser kam sogar drei Wochen früher als das eigentliche Spektakel und war gefühlte vierhundert Meter lang. Verursacht hat ihn eine Schlange von Menschen, die bei der Deutschen Bank nichts abheben, sondern etwas abgeben wollten: ein Werk aus eigener Produktion. Das Geldhaus hatte für seine künftige Kunsthalle Unter den Linden schon einmal zum Aufwärmen geladen. Und viele Künstlermenschen stellten sich mit einem Bild an, um wenigstens für 24 Stunden einen Ausstellungsort zu haben.

Mit jedem Tag, den Berlins Gallery Weekend näher rückt, steigt die Pulsfrequenz der Berliner Kunstszene. Was mit einer Handvoll Galerien vor neun Jahren begann – sie wollten sich vom Rest absetzen –, hat längst den Charakter einer Massenbewegung. Hier stellen sich jetzt die übrigen 300 Berlin Galerien und auch zahlreiche Kunst-Institutionen an, um sich gleichfalls vom Glanz der Veranstaltung bescheinen zu lassen.

Die Kunsthalle eröffnet offiziell am 17. April und damit eine Woche vor dem Gallery Weekend. Berlins rare Sammler, die jeder gern auf seinen Empfängen sieht, sind dann allerdings auf dem Weg zu den Kunstmessen nach Köln und Brüssel. Einen Tag später lädt mit Julia Wallner die junge Chefin des Georg-Kolbe-Museums zum exklusiven Sektempfang. Marc Wellmann, zuvor Kurator im Kolbe-Museum, eröffnet im Haus am Lützowplatz die Jubiläumsschau zum 50-jährigen Geburtstag der Galerie. Selbstverständlich an jenem Freitag, an dem auch das Weekend beginnt und nur einen Tag, bevor Ellen Blumenstein als neue Chef-Kuratorin der Berliner Kunst-Werke ihren „Relaunch“ vorstellt. Anselm Franke, der seinerseits frisch im Haus der Kulturen der Welt begonnen hat, legt die Vernissage seiner Ausstellung „The Whole Earth“ relativ kollisionsfrei auf den Donnerstag. Die paar Abendessen, mit denen er konkurriert, weil Berlins Galeristen schließlich auch ihre Dinner-Einladungen unterbringen müssen, kann man vielleicht in flying buffets verwandeln und irgendwo dazwischen genießen. Mehr Luxus als Probleme!

Das nach vorn wie hinten deutlich verlängerte Gallery Weekend hat es in sich. Alle, wirklich alle wollen zeigen, wie jung und neu und frisch und wichtig sie sind. Doch der knappen Zeit folgt die Verknappung der Aufmerksamkeit. Zur Entzerrung empfiehlt sich in Zukunft eine ganze Gallery Week. Woraus dann schnell ein Gallery Month würde, der sich mit etwas Fantasie in ein Gallery Year verlängern ließe. Wir halten uns schon mal die 365 Abende frei. Christiane Meixner

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