Anhalter Bahnhof : Der Film zum Flughafen

Anhalter Bahnhof

Wer dieses Ding gesehen hat, steigt so schnell in kein Flugzeug mehr ein. Hier werden Albträume wahr – und auch so manche erotische Fantasie. Die Flugbegleiter tanzen, singen, saufen, was die Vorräte an Bord hergeben. Im Cockpit wird noch eifriger geschluckt, der Pilot hat sein Coming-out. Der Kopilot schwankt, und in der Businessclass geht es zu wie im Swingerclub. Nur in der Holzklasse herrscht Ruhe und Frieden, dort haben die Fluggäste mit in ihren Drinks ein starkes Schlafmittel bekommen. Die Crew will Panik vermeiden. Der in Madrid gestartete Flieger mit dem Ziel Mexico City kreist verloren über der Heimaterde. Das Fahrwerk klemmt. Eine Notlandung wird vorbereitet, bloß wo? Sämtliche Airports sind belegt.

Chaos und Gefummel, märchenhaft verschlungene Liebeswege und liebenswürdige Menschen am Rand des berühmten Nervenzusammenbruchs: So ist das auch jetzt wieder in der neuen Kinoklamotte von Oscarpreisträger Pedro Almodóvar. „Los amantes pasajeros“ („Fliegende Liebende“, ein blöder deutscher Titel) läuft seit Anfang März in den spanischen Kinos. Am vergangenen Wochenende eröffnete „I’m so excited“ (das ist jetzt der englische Titel) das Filmfestival in Istanbul. Der Film hat einige Längen und Macken und auch keine Aussicht, bei irgendeiner Airline ins Inflight-Unterhaltungsprogramm zu kommen. Da müsste so viel Trash und Bums herausgeschnitten werden, dass kaum der Anfang (mit Penelope Cruz und Antonio Banderas) übrig bliebe. Aber darum geht es nicht. Die eigentliche Geschichte, die Almodóvar in diesem wolkigen Boulevardstück erzählt, handelt von einem neuen Flughafen, der nie eröffnet wurde. Keine Betriebsgenehmigung, hunderte Millionen Euro versenkt, eine Investitionsruine. In Almodóvars irrer Kiste sitzt u. a. neben einem Pornostar, einem Profikiller und einer Wahrsagerin auch ein betrügerischer Flughafenmanager, der vor den Behörden fliehen will.

Ja, klingt irgendwie bekannt. Es gibt in Spanien einen solchen Airport, Castellón, bei Valencia. In allen Belangen eine glatte Fehlplanung und Pleite, ein Skandal: Vor dem Hauptgebäude steht eine 24 Meter hohe Riesenskulptur, eine Büste, die dem verantwortlichen Provinzpolitikerfürsten recht ähnlich sieht. Und der ist auch noch stolz drauf. Vergleiche mit Berlin-Brandenburgs BER drängen sich natürlich auf, und wenn der Film im Sommer hier ins Kino kommt, wird es eine große Freude und Erleichterung sein: Denn der Geister- Airport rettet am Ende den Fliegenden und Liebenden das Leben. Es ist schließlich eine Komödie. Rüdiger Schaper

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