Anhalter Bahnhof : Der kleine Festspielkrieg

Das römische Wagenrennen ist eröffnet, tätärääh! Halb zwölf war’s am Mittwoch, in Salzburg holten sie gerade tief Luft, um zu verkünden, dass man dem plötzlichen Osterfestspieltod noch einmal von der Schippe gesprungen sei und zwar wie!, und zwar in hohem Bogen! – da lief eine Meldung aus Baden-Baden über den Ticker: Das dortige Festspielhaus und die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, tätärääh!, geben ihre ebenfalls österlichen Pläne von 2013 bis 2016 bekannt (nämlich „Zauberflöte“, „Manon Lescaut“, „Rosenkavalier“ sowie „Tristan und Isolde“).

Zur Erinnerung: 44 Jahre lang sind die Philharmoniker opernweise in Salzburg beheimatet gewesen, Herbert von Karajan hatte die Osterfestspiele eigens dafür gegründet – was seinen Nach- Nachfolger Simon Rattle vor Monatsfrist nicht daran hinderte, einen spektakulären Schlussstrich zu ziehen. Zu teuer, zu elitär, zu unflexibel, so die offizielle Begründung. Die inoffizielle hat gewiss mehr mit dem Gespenst Karajan zu tun, das nach wie vor durch die Kulissen geistert und musikalisch als unanfechtbar gilt. Das waren Rattle und die Seinen in Opernfragen nie. Fortan suchen sie also in Baden-Baden ihr Glück, wobei man sich die Revolution des Musiktheaters programmatisch sicher etwas anders vorstellt (siehe oben).

In Salzburg springt nun der künftige Chef der Dresdner Staatskapelle Christian Thielemann in die Bresche, samt Kapelle natürlich und in Koproduktion mit der Semperoper . Ein echter Coup, tätärääh!, stolz wischt man sich den Schweiß von der Stirn. Einziger Konkurrent soll Franz Welser-Möst gewesen sein, wahlweise mit den Wiener Philharmonikern oder dem Cleveland Orchestra, beides hat dann doch nicht so behagt (zumal die Wiener traditionell im Sommerin Salzburg Quartier nehmen). Das freudig verteilte Jugendfoto, das Thielemann und den amtierenden Leiter der Osterfestspiele, Peter Alward, anno 1982 bei Schallplattenaufnahmen der EMI mit Karajan am Flügel zeigt, war einfach unschlagbar.

Mit weitreichenden Plänen hält Thielemann sich noch zurück, dafür war die Zeit zu knapp. Den für 2013 vereinbarten „Parsifal“ wird er übernehmen, bis 2017 stehen dann offenbar Richard Strauss auf der Agenda und der eine oder andere Italiener. Wem das bekannt vorkommt (s.o.), der bedenke, dass Thielemann Rattle unlängst auch beim ZDF-Silvesterkonzert beerbt hat (während dieser in die ARD abwanderte). Ein Kopf-tätärääh!-an-Kopf-tätärääh!- Rennen à la Ben Hur? Fragt sich nur, wer von beiden Charlton Heston ist. Und welche Art Revolution die Zukunft braucht. Christine Lemke-Matwey

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