Anhalter Bahnhof : Der Korrektor

D as Buch erscheint in den USA erst Anfang nächster Woche, und auf die deutsche Übersetzung muss man noch drei Wochen länger warten, sie ist für den 17. September angekündigt. Und doch ist Jonathan Franzens Roman „Freedom“ längst in aller Munde und in den USA und England ausgiebig vorgestellt und gefeiert worden, nicht zuletzt weil das „Time“-Magazin Franzen zum Coverboy gemacht hat („The Great American Novelist“) und auch US-Präsident Barack Obama ein Vorabexemplar in die Hand gedrückt wurde.

Der große amerikanische Schriftsteller („Die Korrekturen“) mit dem nächsten großen amerikanischen Roman – das ist bei all dem Gesumse, all den Hymnen auf „ein unvergessliches Porträt unserer Zeit“ („New York Times“), auf den „Roman des Jahrzehnts“ („Guardian“), auf „das Werk eines Genies“ („New York Magazine“) fast eine Nummer zu klein. Da muss eigentlich gleich die Rede vom „Weltschriftsteller“ oder vom „großen globalen Roman“ sein, selbst wenn Franzen im gemächlichen bürgerlichen Erzählstil des 19. Jahrhunderts auf über fünfhundert Seiten nur die Versehrtheit einer amerikanischen Mittelschichtsfamilie in den Jahren nach dem 11. September 2001 schildert. Denn gar nicht mal so nebenbei wird Franzen zudem noch als Retter der Buchkultur gefeiert, als Umsatzförderer, der zum Beispiel das böse multimediale Spiel höchst ungern mitmacht. Im Online-Werbefilmchen seines Verlags sitzt er verspannt und nervös an einem Manuskript fingernd vor einem Bücherregal und spricht davon, dass Bücher sich nicht zum Multitasking eignen und zu unserem zerstreuten Dasein eine dringend notwendige stille Alternative seien.

Besorgt fragt man sich da, wie einflussreich eigentlich das „Time“-Magazin ist, wieviele Menschen es mit seinem inzwischen arg reduzierten Umfang überhaupt noch erreicht – und ob der Hype, den es ausgelöst hat, nicht sogar einem der allerletzten großen Romane gilt? Ist „Freedom“ auch Abgesang und Vermächtnis?

Verkaufen wird sich Franzens Roman problemlos, keine Frage. Dass es mit der Buchkultur vielleicht doch nicht so schnell zu Ende geht, dafür aber könnte der Erfolg eines anderen Buches ein besserer Gradmesser sein: „Unendlicher Spaß“, das Meisterwerk von Franzens 2008 verstorbenem Freund und ästhetischem Widersacher David Foster Wallace. Mit seinen gebirgigen, manchmal schwer zugänglichen 1500 Seiten stand dieser Roman wochenlang in den Charts. Die Lektüre von Franzen-Romanen mutet dagegen wie ein Waldspaziergang an.Gerrit Bartels

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