Anhalter Bahnhof : Der trojanische Herd

Anhalter Bahnhof

Die Meldung ist nicht mehr ganz frisch, aber sie bekommt in diesen Tagen neue Bedeutung, einen richtigen Hautgout. Im Berliner Theater des Westens sollte jetzt eigentlich das Musical „War Horse – Gefährten fürs Leben“ Premiere haben. Doch wird es damit vor Oktober nichts; bis dahin tanzen in der Kantstraße die Vampire. Egal, gegessen wird, was auf die Bühne kommt.

Die Geschichte eines bettelarmen Jungen, der seinem geliebten Pferd in den Ersten Weltkrieg folgt, nachdem es an die Kavallerie verkauft wurde, ist in der englischsprachigen Welt ein Renner. Steven Spielberg hat das Melodram 2011 verfilmt. Den Pferden ist nichts passiert, wie es so schön im Abspann heißt. Aber was ist jetzt mit den Musical-Gäulen wirklich? Sind sie schon Auflauf?

Tierfreunde dürfen sich beruhigen. Denn wie bei „Cats“ auch keine richtigen Katzen musizieren, galoppiert über die Schlachtfelder von „War Horse“ eine artistische Kreation der südafrikanischen Handspring Puppet Company, ein Kentaur, mehr Mensch als Pferd.

Es steckt ja überhaupt viel Humanes im Hippo, so wie im Rinderhack viel Klepper und Schindmähre brutzelt. Nietzsche hatte in Turin einen Nervenzusammenbruch, als er sah, wie ein Kutscher ein Pferd misshandelte. Bei Karl May sind die Vierbeiner Hatatitla und Rih so wichtig wie ihr Reiter Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi. Aus Spanien kommt Don Quixote mit der Rosinantenstute, Italien hat berühmte Pferdeopernkomponisten hervorgebracht. Erinnert sei hier nur an Giacomo Rossini, Leoncavallo, Giuseppe Pferdi! Und auf deutscher Seite natürlich an Richard Wagner. Der schönste Song der Rolling Stones heißt „Wild Horses“, und im Sommer kommt Neil-Pferd Young mit Crazy Horse in die Waldbühne. Zu schweigen von Bernadette La Hengst.

Von amerikanischen Speisekarten sind übrigens die Vorspeisen verschwunden, wer will schon Hors d’oeuvres bestellen. Apropos Frankreich, wo sie Pferdemetzgerei ja lieben: Dort hieß der berühmteste Entertainer Maurice Chevalier und der berühmteste Präsident de Gaulle, der Begründer des Gaullismus. Verdächtig! Und wer immer noch misstrauisch ist: „War Horse“ passt in keine Schublade, sagt der Musicalveranstalter – und folglich auch auf keinen Herd. Rüdiger Schaper

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