Anhalter Bahnhof : Dichter an der Zukunft

Jetzt also auch die Buchmesse: Das Motto „Neues Denken“ prangt auf der Homepage. Wer da ins Such- feld „Zukunft“ eingibt, erhält 61 Ergebnisse. Zum Vergleich: Die Suche nach „Vergangenheit“ führt zu zwei, das „Buch“ zu 62 Treffern.

Zukunftsdialoge von Bundeskanzlerin und SPD, Zukunftskonferenzen überall: Zukunft ist nicht nur in Frankfurt der Begriff der Stunde. Dass bei dem vielstimmigen „Komm! ins Offene, Freund!“ manche auch an romantische und oft trügerische Aufbruchstimmungen früherer Gesellschaften denken – geschenkt! Mit diesem Internet scheint nun alles anders zu werden. Endlich! Endgültig! Ganz und gar!

Wird es das aber wirklich? Beteiligen wir uns bald Tag für Tag mit Liquid Democracy vom Schreibtisch aus am Entstehen neuer Gesetze? Leben wir bald allesamt in minimalistischen Interieurs, weil die so wohnlichen Bücherregale im Zeitalter des E-Books zunehmend verwaisen? Und lesen wir – noch schlimmer – in unseren leeren Wohnzimmern bald nicht einmal mehr elektronische Bücher, sondern nur noch Tweets und Statusmeldungen; weil uns das Denken in längeren Geschichts- und Geschichtenzusammenhängen im Zeitalter des Netzwerks nicht mehr zu interessieren braucht?

Es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln, dass alles auf diese absolute Art anders wird. Dass das Raumfahrtzeitalter der Menschheit nicht die zunächst beschworenen futuristischen Welten, sondern die Teflon-Pfanne und Satellitenfernsehen brachte, ist vielleicht eine plumpe Pointe. Der Unterschied zwischen der Vision und dem Lauf der Dinge lässt jedoch ahnen, dass Veränderung sich immer anders Bahn bricht als gedacht: eher als Variation des Alten denn als Bruch mit seiner Ordnung.

Spricht das nun dagegen, dass Menschen sich im Jetzt Gedanken über das Morgen machen? Natürlich nicht – aber es scheint vor diesem Hintergrund fast interessanter, dass sie es überhaupt tun. Aus Angst vor der Zukunft? Aus Angst vor der Gegenwart? Weil geredet werden muss, solange einem noch jemand zuhört? Man kann nur ebenfalls orakeln: dass der Versuch, Zukunft zu antizipieren, vor allem von einer Angst vor ihrer Unberechenbarkeit zeugt. Dass dort, wo das massenhaft unternommen wird, die Sehnsucht nach vertrauten Umgebungen besonders groß ist. Und dass sich die Zukunft, wenn sie kommt, genau deshalb weit weniger spektakulär von der Gegenwart unterscheiden wird, als die Beschäftigung mit ihr als Antithese zum Status Quo vermuten lässt. Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders. Johannes Schneider

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!