Anhalter Bahnhof : Die fünfte Jahreszeit

Anhalter Bahnhof

Es ist eine merkwürdige Zeit, diese Tage zwischen den Jahren. Zum Beispiel streben jetzt Leute in die Konzert- und Bühnenhäuser, die Klassik, Oper und Theater für gewöhnlich eher meiden. Hängt es damit zusammen, dass sie nach der Weihnachtsfeierei mit der Familie wieder unter andere Menschen wollen? Oder gehört es schon zu den guten Vorsätzen: dass man sich den Zumutungen der Kultur häufiger aussetzen will?

Zu Silvester jedenfalls füllen sich die Hallen, egal ob die großen, namhaften Orchester zu erleben sind oder jener Bodensatz an halbseidenen Ensembles, die pünktlich zu den Feiertagen im Veranstaltungskalender auftauchen. Im Gegensatz zu den Besuchern allerdings geht für die Künstler, für die live auftretenen Musiker, Sänger und Schauspieler die Saison gar nicht zu Ende. Für sie ist jetzt gewissermaßen Hochsommer, denn ihre Zeitrechnung gehorcht anderen Gesetzen als die der konventionell Beschäftigten, sie läuft von August bis August.

Weil sie in Spielzeiten denken und nicht in Kalenderjahren, sind die Mimen und Instrumentalisten gewissermaßen die natürlichen Feinde der Buchhalter. Die einen machen am 31. Dezember Kassensturz, die Bühnenkünstler hingegen ein halbes Jahr später, zum Saisonende vor den großen Ferien.

Das war nicht immer so. Im Geburtsland der Oper, in Italien, erlaubte die katholische Kirche den Spielbetrieb über Jahrhunderte nur während der stagione carnevale, also in der närrischen Zeit, ab dem 26. Dezember bis Aschermittwoch. Das Unterhaltungsbedürfnis der Massen ertrotzte sich zwar irgendwann eine ganzjährige Ausweitung der fünften Jahreszeit. Aber bis zum heutigen Tag findet die offizielle Eröffnungsgala des Teatro alla Scala am 7. Dezember statt, dem Tag des Mailänder Stadtheiligen Sant’ Ambrogio – auch wenn das berühmteste Musiktheater der Welt bereits ab September Opernabende anbietet.

Und auf welches Datum fällt für die Bühnen- und Klassikkünstler ihr gefühltes Silvester? Auch bei der Wahl des Knallertags gibt man sich in der anders tickenden Szene unbürokratisch: Da kann jeder nach seiner Façon selig werden – irgendwann zwischen dem sommerlichen Waldbühnenkonzert der Berliner Philharmoniker und der Last Night of the Proms in der Londoner Royal Albert Hall. Frederik Hanssen

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