Anhalter Bahnhof : Die im Dunkeln …

Von wegen Bellevue. Ich seh’ überhaupt nichts! Wer nach Einbruch der Dunkelheit – und wann ist es derzeit überhaupt mal hell? – zwischen dem Sitz des Bundespräsidenten und dem Kanzleramt an der Spree entlanggeht, tappt total im Trüben. Der Tiergarten steht schwarz und schweiget, diffus verschwimmt die Wasserkante vor dem Blick des vorweihnachtlichen Flaneurs. An der Infrastruktur liegt es nicht, Laternenmasten sind genug da, elegante sogar, dicht an dicht säumen schlanke Stelen mit trichterförmigen Glasaufsätzen den breiten Kiesweg. Nur leuchten die allermeisten nicht. Im Matten liegt das Magnus-Hirschfeld-Ufer, eingedenk des von den Nazis verfolgten Sexualforschers und Pioniers der Schwulenbewegung.

Lässig windet sich die Bundesschlange auf Moabiter Seite, von hier bietet sich der beste Blick aufs Haus der Kulturen der Welt, dessen verrückte Dachkonstruktion wie eine Betonfontäne aus dem Boden zu springen scheint. Majestätisch liegt das Kanzleramt da, in seiner Wuchtigkeit kontrapunktiert vom schlanken Steg, der sich hinüber zum Hubschrauberlandeplatz schwingt. Bald öffnet sich im Bogenschwung des Flussverlaufs das ganze prächtige Neuberliner Panorama, von der Quadratur des Hauptbahnhofs bis zum schimmernden Schemen des Potsdamer Platzes, weit hinten, jenseits der Baumwipfel.

Ja, wenn man nur etwas sehen könnte! Fühlt sich denn gar keiner zuständig für das einwandfreie Funktionieren der Beleuchtungskörper im Vorgarten des Regierungsviertels?

Dennoch sind erstaunlich viele Menschen unterwegs, unerschrockene Joggerinnen und Jogger, die der Gefahr trotzen, in die Spree zu stolpern, pendelnde Parlamentarier mit Rollköfferchen, ja sogar Touristen, Spanier vermutlich, denen erloschene Laternen aus ihren Trabantenstädten bekannt vorkommen mögen. Advent, Advent, kein Lichtlein brennt. Wo wir es doch gerade jetzt am nötigsten hätten, dass uns ein Licht aufgeht. Sollen wir die Skandinavier der Hauptstadt bitten, ihre Lucia-Fest-Prozession vorbeizuschicken, bei der Kerzen auf dem Kopf getragen werden? Sollen wir Goethes letzte Worte in die Nacht rufen?

Nein, eine Serenade unter Merkels Fenster, das wär’s, mit Kurt Weills schmissigem Slowfox, komponiert in den angeblich so glanzvollen Zwanzigern, im Auftrag der Leuchtmittel- Messe „Berlin im Licht“: „Det is keen lauschiget Plätzchen, / det ist ne ziemliche Stadt. / Damit man da alles gut sehen kann, / da braucht es schon einige Watt!“ Frederik Hanssen

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