Anhalter Bahnhof : Die Schneise von Köln

David Chipperfield, der britische Architekt, bekam den hiesigen Volkszorn zu spüren, als er bei der Sanierung des Neuen Museums historisches und neues Bauen kombinierte. Seitdem schwärmt er von der Leidenschaft, mit der die Deutschen ihre Architekturprojekte begleiten. Die Engländer regten sich noch nicht einmal auf, als Norman Fosters Umbau des British Museum den altehrwürdigen Reading Room entweihte. In Berlin hingegen protestierten die Menschen mit Kerzen in den Händen gegen Chipperfields Pläne – und bald darauf stürmten die Massen das rekonstruierte Museum. Die Begeisterung hält bis heute an.

Die gebaute, gestaltete Welt um uns herum – es lohnt, sich darüber zu erregen. Über Alt- und Neubauten, gelungene oder misslungene, über Verfall und Abriss, vollzogene oder geplante Zerstörung. In Köln hat gerade ein Bürgerbegehren einen Sieg errungen. Der Abriss von Wilhelm Riphahns Schauspielhaus von 1962 und der geplante Neubau einer Glas-Stahl-Konstruktion, wie im Dezember vom Stadtrat beschlossen, ist dank 52 000 Bürgerunterschriften vom Tisch. Das ist in dieser Eindeutigkeit eine Überraschung, steht Riphahns Schauspielhaus – beileibe nicht sein Meisterwerk – doch für die lange so ungeliebten sechziger Jahre.

Mitreden erwünscht? Wenn Bürgerengagement den Wiederaufbau der von den Bomben des Weltkriegs zerstörten Dresdner Frauenkirche ermöglicht, ist das ein großartiger Erfolg. Wenn solche Bürgerbegeisterung ausbleibt, wie bislang bei den Spenden für das Berliner Stadtschloss, ist vielleicht auch das ein Zeichen. Bei der benachbarten Staatsoper verhinderten Proteste eine Modernisierung des Hauptsaals, dessen historisierender Glanz eigentlich eine Neuschöpfung der Nachkriegsjahre ist.

Doch wenn Bürgerproteste scheitern, wie im Fall der Waldschlösschenbrücke in Dresden, die, Unesco hin oder her, nun doch gebaut wird, ist das ein Armutszeichen für die Politik. Bei der Fernstraßen-Brücke durch das romantische mittlere Moseltal zeichnet sich gerade ein ähnliches Debakel ab.

Vielleicht ist Köln ja eine Lektion aus vergangenen Desastern. Vor einem Jahr stürzte das Stadtarchiv ein, wegen des U-Bahn-Baus, das Trauma sitzt tief. Die Erkenntnis reift, dass vielleicht nicht die Architektur das Problem ist, sondern die Verkehrsplanung, in Köln die NordSüd-Fahrt, die eine Schneise durch die Stadt schlägt. Wenn neben der Architektur auch der Straßenbau ins Visier engagierter, kritischer Bürger gerät, ist man ein Stück weiter. In Köln, in Dresden, an der Mosel – und in Berlins historischer Mitte. Christina Tilmann

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