Anhalter Bahnhof : Drei Männer im Schmäh

Drei Lichter brennen auf dem Adventskranz in der Sophienkirche am Hackeschen Markt. Darunter haben sich die Intendanten der Berliner Opernhäuser versammelt, ebenfalls in trauter Dreisamkeit. Ein wundersamer Anblick: Was haben sich die Musiktheatermacher dieser Stadt in den vergangenen beiden Jahrzehnten beharkt, im Kampf um die Gunst der Politik wie um die größten Stars, ein ewiges Zerren, wer wann welches Stück neu inszenieren, welchen Kassenfüller spielen darf. Nun aber scheint in der Opernstiftung ewige Vorweihnachtszeit ausgebrochen. Jürgen Flimm, der Staatsopernlenker, kündigt seine beiden Kollegen an wie ein Boxpromoter: Diiiiiietmar Schwarz! Barrrrrrrrie Kosky! Ersterer wird im kommendem Herbst die Deutsche Oper übernehmen, der andere den Chefsessel der Komischen Oper besteigen. Wer dächte nicht an die Heiligen Drei Könige – oder an die Neue-Deutsche-Welle-Band Trio, da-da-da?

André Schmitz hat zum abendlichen Adventskonzert geladen. Nicht in seiner Funktion als hauptstädtischer Kulturstaatssekretär, sondern als Vorstandsvorsitzender der Schwarzkopf-Stiftung „Junges Europa“, die sich der Völkerverständigung verschrieben hat. Eine aparte Berliner Mischung füllt die Reihen, Wilmersdorfer Bourgeoisie, P’berg-Boheme und junge internationale Berlin-Gäste sitzen dicht an dicht, es wird italienisch und polnisch gesungen, spanisch, englisch, französisch, russisch, deutsch und finnisch, Frau Dünnebier-Küpper leitet den Musikschulchor Mitte, Herr Kuntze-Krakau die Big Band des Beethoven-Gymnasiums. Und inmitten all der Nachwuchstalente: die „Drei Intis“, wie Jürgen Flimm witzelt, die nun als Humoristen-Terzett einen Erich- Kästner-Text vortragen, in dem ein Icherzähler die höchst turbulente Weihnachtsfeier einer Varieté-Truppe durchlebt.

In der Sophienkirche wiederum darf das Publikum einen Blick in die Zukunft der Opernstiftung werfen. Was für gegensätzliche Temperamente da künftig für die Versorgung der Hauptstadt mit den ganz großen Gefühlen zuständig sein werden! Da ist der feine Intellektuelle Dietmar Schwarz, da ist der ehrgeizige Barrie Kosky, der als running gag ständig über knifflige deutsche Wörter stolpert. Und da ist das geborene Bühnentier Jürgen Flimm. Beim Applaus reißt Flimm die Arme seiner Mitstreiter hoch wie ein Ringrichter am Ende eines Boxkampfs. Drei Männer im Schmäh. Hallelujah! Und André Schmitz, der auch die nächsten Jahre Dienstherr dieses Trios sein wird, lasse sein Angesicht leuchten über ihnen und sei ihnen gnädig. Frederik Hanssen

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