Anhalter Bahnhof : Eröffnung subito!

Irgendwann muss aber auch mal gut sein! Darum haben sie in Hamburg gestern Abend einfach die Elbphilharmonie eröffnet. Im Miniatur-Wunderland, dem hanseatischen Modelleisenbahnerparadies mit der hübschen Adresse Kehrwieder 2–4.

Warum weiter abwarten, ob das große, das großartige Konzerthaus im Hafendistrikt vielleicht irgendwann doch noch fertig wird! Diverse Schlüsselübergabetermine für den Prestigebau sind schon geplatzt, statt der ursprünglich veranschlagten 77 Millionen Euro werden derzeit Kosten von bis zu 789 Millionen erwartet. Auf ein belastbares Datum für die Einweihungsfeier will sich keiner der Beteiligten mehr festlegen.

Darüber ärgern sich nicht zuletzt die Modellbauer vom Miniatur-Wunderland. Denn ihr Nachbau des spektakulären Kunsttempels, den die Architekten Herzog und de Meuron einem ehemaligen Kaispeicher aufpfropfen, ist längst fertig – und blockiert seitdem unnötig die Lagerfläche.

Zusammen mit zehn weiteren Gebäuden der Hafencity wurde die Schrumpfvariante der Elbphilharmonie darum nun vorgestellt – auf 70 000 Quadratzentimetern. Und das NDR-Sinfonieorchester machte mit. Die Musiker des künftigen Hausensembles der Elbphilharmonie ließen sich bei einem Auftritt filmen, der dann live auf die Fassade des Puppenstuben- Saales gebeamt wurde. Anschließend tauchte Chefdirigent Thomas Hengelbrock leibhaftig im Miniatur-Wunderland auf, um Grußworte zu sprechen. Ebenso wie Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter und Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler. Ein Heimwerkerklub lädt zur Fake-Gala, und alle seriösen Akteure machen mit, das hat wahrlich Format. Zwergenformat.

Da hat sich Berlin, die stolze Bundeshauptstadt der Kreativen, von den plietschen Norddeutschen tatsächlich mal den Schneid abkaufen lassen. Im hiesigen Legoland am Potsdamer Platz gibt es zwar ein Stadtschloss zu sehen, aber keinen funktionstüchtigen BER aus Stecksteinchen. In der Shoppingmall am Alex wird auf der „Loxx“-Modellbahn-Schaufläche am Regierungsviertel gebastelt, nicht aber die fertig sanierte Lindenoper vorgeführt.

Inzwischen dürften in der Senatskanzlei und bei den Tourismus-Profis von „Visit Berlin“ bereits die Krisenstäbe tagen. Einziges Thema der Sitzungen: Wann lancieren wir einen ähnlichen Marketing-Gag mit Schaut-mal- wie-toll-das-wird-Effekt? Unter dem Motto: Sei selbst, sei ironisch, sei Berlin. Frederik Hanssen

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