Anhalter Bahnhof : Festspiele auf der Hüpfburg

Der Sommer ist in Berlin die schwache Jahreszeit, meteorologisch wie kulturell. Keine Ahnung, ob da ein Zusammenhang besteht: Das Wetter gibt sich aprilhaft, die Mehrzahl der Theater verrammelt die Tore und fällt in eine Art Vorwinterschlaf; es ist schließlich kalt und nass genug. Die Aficionados reisen nach Salzburg und Bayreuth, wo Volksbühnenchef Frank Castorf einen neuen „Ring“ schmiedet; sie besuchen das Festival in Avignon, die Arena in Verona oder die Biennale in Venedig. Sommerzeit ist Reisezeit, und Festivals sind vor römischer oder mittelalterlicher Kulisse – und mit Strand und Wassertaxi – sowieso viel schöner.

Herrlich ist es auch in den Scheunen, Gutshöfen und Kirchen Mecklenburg- Vorpommerns, wenn junge Musiker dort spielen. Und noch viel näher liegt Brandenburg mit seinen Sommerkonzerten. Sommer ist Festivalzeit, nur nicht in Berlin. Viele finden das gut, man kann endlich einmal nicht irgendwohin gehen und nachschmecken oder einfach nur vergessen, was während einer langen Saison so aufgetischt wurde. Pause also bis zum „Tanz im August“.

Doch plötzlich legen die Berliner Festspiele ein Sommerprogramm auf. Es nennt sich „Foreign Affairs“, und so, wie der Name zwischen Amour und Diplomatie changiert, ist man von dem neuen Ding hin- und hergerissen. Es gibt genug Berliner Bühnen, die übers Jahr Tanz, Theater, Performance und Musik im internationalen Rahmen zeigen. Einerseits: Wozu noch eine Abspielstätte? Andererseits: Warum nicht? Es sind reichlich Touristen in der Stadt, und vielleicht stellt sich ja sommerliche Festivalatmosphäre ein.

Nichts gegen frischen Wind. Heute Abend werden die „Foreign Affairs“ auf einer Hüpfburg eröffnet. Das Riesenspielzeug nennt sich „White Bouncy Castle“, steht im Naturpark Schöneberger Südgelände und ist eine Installation des berühmten Choreografen William Forsythe. Der Unterschied zwischen der Festspiele-Hüpfburg und der Hüpfburg bei einem Straßenfest liegt im Überbau. Auf der gewöhnlichen Hüpfburg amüsieren sich Kinder, auf der Hüpfburg von Forsythe geht es um „unterschiedlichste Zustände körperlichräumlicher Organisation“, hüpft das verkopfte Kuratorenvolk.

Hüpfburgherr und Festivalleiter Matthias von Hartz ist für seine originellen Einfälle bekannt, er hätte auch als Gottschalks Nachfolger bei „Wetten, dass..“ eine gute Figur gemacht. Im Praktischen gleicht die Hüpfburg mit Hintersinn dann doch der gemeinen Hüpfburg. Sie ist aufgeblasen, und es zieht einem die Schuhe aus. Rüdiger Schaper

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