Anhalter Bahnhof : Frankfurt rockt Berlin

Neulich war der in Frankfurt am Main lebende Schriftsteller Bodo Kirchhoff zu Gast in Berlin, im Literarischen Colloquium am Wannsee. Er präsentierte seinen Roman „Die Liebe in groben Zügen“, das aber nicht allein. Neben ihm saßen sein Frankfurter Verleger, Joachim Unseld, und der Frankfurter Literaturkritiker Christoph Schröder, moderiert von der einzigen Berlinerin in der Runde, der Kritikerin Maike Albath.

Das Ganze hatte etwas von „Frankfurt rockt Berlin“, lockten die drei Frankfurter doch gut 200 Menschen ins LCB. Und sie sprachen selbstverständlich auch über Frankfurt, darüber, wie weltoffen die Stadt am Main sei, wie gut man hier Bücher verlegen, schreiben und rezensieren könne. Berlin hörte zu, staunte und wunderte sich: Es gibt noch ein literarisches Leben jenseits der vermeintlichen Literaturmetropole! Es gibt tatsächlich noch Menschen, die sich mit Literatur beschäftigen und die es nicht mit aller Macht nach Berlin zieht!

Nächste Woche wird die Literaturmetropole Berlin noch ein bisschen kleiner, uninteressanter und verwaister sein. Dann rockt Frankfurt nicht nur Berlin, sondern gleich die ganze Welt, dann ist nämlich Frankfurter Buchmesse. Und man erinnert sich plötzlich wieder, dass es vor Jahren mal eine große Debatte darüber gab, ob die Buchmesse nicht nach München verlagert werden sollte, wegen geringerer Kosten und einer größeren Attraktivität der bayrischen Landeshauptstadt. Von Berlin war da zu keinem Zeitpunkt die Rede. Auch heutzutage käme niemand auf die Idee, Berlin als Buchmessenstandort ins Gespräch zu bringen. Da sei allein schon der nicht fertig werdende neue Flughafen vor.

Nur gut, dass die Frankfurter Buchmesse bloß eine Woche dauert und auch eine Frankfurter Literaturrunde im LCB eher die Ausnahme als die Regel darstellt. Und noch besser und Berlin milde stimmend ist es, dass der ehemals in Frankfurt residierende Suhrkamp Verlag in Berlin nicht nur eine neue Heimat gefunden, sondern schneller als von vielen erwartet auch angekommen ist. So erfolgreich wie dieses Jahr war Suhrkamp lange nicht. Gerade in der deutschsprachigen Literatur ist der Verlag wieder das alte Kraftzentrum. Auf der sechs Titel umfassenden Shortlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis, der am kommenden Montag verliehen wird, stammen drei aus dem Hause Suhrkamp, Berlin: „Fliehkräfte“ von Stephan Thome, „Nichts Weißes“ von Ulf Erdmann Ziegler und „Indigo“ von Clemens Setz. In Berlin lebt übrigens keiner der drei Autoren, Ulf Erdmann Ziegler gar in Frankfurt. Ach, Berlin! Gerrit Bartels

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