Anhalter Bahnhof : Frauen im Haushalt

Anhalter Bahnhof

Tja, liebe Freunde vom Deutschen Technikmuseum, so geht das natürlich nicht. Nur schlappe 36 Prozent weibliche Besucher hat euer Haus, denen in ganzen Dynastien von Pufferküssern und Planespottern herangezüchtete 64 Prozent männliche Besucher gegenüberstehen. Das sind Zahlen aus dem neuen Doppelhaushaltsentwurf 2014/15 des Berliner Senats, die die Hauptstadt der Avantgarde gerade jetzt nicht gebrauchen kann. Schließlich hat Leipzig mit seinem generischen Femininum „Professorin“ als Sammelbezeichnung für akademische Kader in der Hochschulgrundordnung die Messlatte in Sachen Gender-Gerechtigkeit haushoch gelegt. Göttin sei Dank reißt im männlich dominierten Technikmuseum wenigstens das beigeordnete Zucker-Museum die Statistik wieder raus: Da gehen nämlich angeblich 64,7 Prozent weibliche und 35,3 Prozent männliche Diabetiker ein und aus.

Auf Beschluss des Senats landen die fast jeder Kultureinrichtung beigeordneten „genderrelevanten Daten“ seit 2010/11 im Haushaltsentwurf, sagt der Sprecher der Kulturverwaltung. Ziel der statistischen Übung sei der ehrenwerte Wunsch, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, ob die Steuerzahlerinnen mühsam entrissenen Haushaltsmittel auch schön Geschlechter-gerecht verteilt werden. „Gender-Budgeting“ heißt das nur im Bundesland Berlin (Avantgarde!) umgesetzte Zauberwort, dem sich seit zehn Jahren eine eigene Arbeitsgruppe in der Finanzverwaltung widmet. Auf die dort für vorbildlichen Proporz verteilten Fleißbienchen dürfen sich auch einige Häuser freuen: das Theater an der Parkaue, das Renaissance-Theater, die Schaubühne am Lehniner Platz oder das Grips verfügen über einen 50-prozentigen Männer- und Frauenanteil. Weiter so, Kulturschaffende, das habt ihr super gemacht!

Wie die Häuser ihre Daten erheben, weiß die Kulturverwaltung allerdings nicht. Mit Zählgerät am Einlass stehen? Strichliste an der Abendkasse? Vor der Vorstellung im Saal um Handzeichen bitten? Nach Männer und Frauen unterteilt Kanon singen? Ein Rundruf in den sommerlich verwaisten Pressestellen erbringt nichts als geballte Ratlosigkeit. Daten? Wir? Männer? Frauen? Äh.

Nur im Konzerthaus schält sich der als nicht repräsentativ empfundene empirische Dreisprung „Stammkunden plus Publikumsbefragung plus Hochrechnung“ heraus. Im Herstellen von Statistiken aller Art bewanderte Politiker bewerten das professioneller: „Die Daten sind nicht valide“, ahnt die Opposition in Gestalt der kulturpolitischen Sprecherin der Grünen. Ach! Aber sie sehen so schön bedeutsam aus. Gunda Bartels

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