Anhalter Bahnhof : Früher war mehr Lametta

Mit dem Humor ist es wie mit dem Wetter in diesen Tagen: Auf nichts ist mehr Verlass. Loriot ist tot, da fällt einem auf, dass der Witz der Deutschen im Nach-LoriotZeitalter so unbeständig geworden ist wie der Himmel über Berlin.

Früher war jeder Sketch ein Zierteller: flusenfrei und adrett drapiert. In der Nazi-Zeit hatten die Deutschen den anarchischen Witz ins Exil gejagt, danach ging nur eins: Die Wirtschaftswunderkinder schauten sich so lange beim Deutschsein zu, bis der Witz sich durch die Hintertür wieder hineinstahl. Ein Humorist wie Loriot, das unterscheidet ihn ja vom Comedian, betrieb seinen Job bekanntlich mit tierischem Ernst. Die penibel ausgefeilte Pointe sollte sich passgenau in die Unordnung der Dinge fügen. Sie war die Steinlaus im Pelz der Nation.

Klar, geblödelt wurde auch schon bei Otto Waalkes. Aber heute entspringt fast jede TV-Comedyshow dem Geist des Impro-Theaters. Und infantil geht immer: Die Weltlage überfordert jeden noch so schlauen Geist, da lachen wir uns lieber nach Kräften in die Regression.

Humor ist eine Weltanschauung. Bei Loriot umfasste sie ein ganzes Universum, die Welt der Spießer und halbwegs etablierten Wohlstandsbürger. Bei Ekel Alfred und seiner „Ein Herz und eine Seele“-Familie waren es die Kleinbürger. Heute treibt sich der Humor in vielen Sphären herum, er hat sich weiter regionalisiert, aber auch globalisiert und vor allem diversifiziert. Schöne neue Witzewelt: Es gibt Kiezklamauk und Intellokomik, Prolltheater und Politkabarett, Minimalistisches und Makrobiotisches, Feminas und Machotypen, Bully Herbig und Oliver Kalkofe, Mario Barth und Ladykracher, Harald Schmidt und Cindy aus Marzahn, Helge Schneider, Rainald Grebe, Horst Schlämmers „Weisse Bescheid?“... – für jeden ist was dabei.

„Der Witz“, schrieb Jean Paul, „ist der verkleidete Priester, der jedes Paar traut.“ Loriots Komik hatte dieses Versöhnungspotenzial, für Opa und Enkel, Ossis und Wessis, Männer und Frauen. Bei ihm waren Männer und Frauen gleich blöd (bei Mario Barth ist immer nur die Freundin doof), bei ihm lachten alle zusammen. Heute lacht jeder für sich allein. Selbst bei Publikumshits wie dem „Schuh des Manitu“ schmeißen die einen sich weg, andere finden’s nicht komisch. Seit dem Streit um die Mohammed-Karikaturen birgt das auch politische Brisanz. Gleiches Witze-Recht für alle! Früher war mehr Lametta, aber der Witz ist und bleibt ein unmoralischer Geselle, er gehorcht keiner Instanz und tummelt sich im rechtsfreien Raum. Wäre ja gelacht, wenn der kleiner würde, bloß weil die Welt zusammenwächst. Christiane Peitz

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