Anhalter Bahnhof : Geburtstagsparty bei Peymann

Anhalter Bahnhof

Heute feiert Claus Peymann, der Chef des Berliner Ensembles, seinen 75. Geburtstag. Wir gratulieren mit einem Dramolett, geflochten aus dem reichhaltigen Peymann’schen Zitatenschatz.

Peymann steht am Fenster im menschenleeren Theater, schaut nach draußen und zählt die Gäste: „Abgenabelt von der Ödnis draußen! Darf wirklich jeder Nasenpopel Politiker werden? Wien! Wien war die Königsetappe meines Lebens! Ich hebe das Burgtheater jeden Tag so hoch, wie kein anderer Theaterdirektor seine Bühne in die Höhe hebt! Hat Bernhard geschrieben. Über mich. Irgendwo muss das Licht großer Geschichten mit großen Spielern ja weiterleuchten!“

Eine Assistentin erscheint, um ihn zu holen, Peymann brüllt: „Die Abschaffung der Geduld, die Abschaffung der Zeit im Theater ist eine der Todeskrankheiten! Bayreuth ist ein Tummelplatz für Deppen, das Fernsehen absolute Scheiße. Wir sind am Ende des Kapitalismus. Das Gebäude wird zusammenkrachen. Man sollte das Theater von Christo einpacken und abreißen lassen.“

Peymann schaut nach draußen, zählt unlustig weiter: „Schauspieler sind oft sehr dumm. Absolute Volltrottel. Ich bin, das muss man sagen, ein relativ gebildeter Mensch. Andererseits: Wer intelligenter ist, hat natürlich auch mehr dumme Einfälle.“

Eine zweite Assistentin erscheint, Peymann tobt: „Das ist kein Geburtstagsgeschenk an mich, sondern Dank an die Berliner – ausverkauft! Ich habe im Theater immer auch den Krieg gesucht. Meine Triebkraft ist die Empörung! Ich habe immer gesagt, es ist wichtiger, gute Feinde zu haben als gute Freunde. Das sind für einen Regisseur Lebensfragen! Wir müssen das Theater wieder zu einem Ort geheimnisvoller Feste machen!“

Peymann hält abrupt inne, als ihm einfällt, was die Kritiker wahrscheinlich schreiben werden, gluckst kurz darauf aber schon wieder: „Der Furz ist rausgelassen, das stinkt noch ein bissel und dann ist es weg von der Welt. Intendanten sollten eigentlich überhaupt kein Festgehalt bekommen, sondern einen Euro pro Zuschauer. Da würden sich einige Kollegen aber umschauen.“

Peymann schaut zufrieden aus dem Fenster. Hat bis 1000 gezählt. Als die dritte Assistentin erscheint, will er aus einem Reflex heraus brüllen, kann sich aber beherrschen: „Ich komme schon.“ Er muss liebevoll an Thomas Bernhard denken, während er mit der Assistentin die Treppe hinuntereilt. Er flüstert in das Klappern der Absätze hinein: „Wahrscheinlich bin ich ein Sonntagskind.“ Andreas Schäfer

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