Anhalter Bahnhof : Heger und Jäger

Wenn am heutigen Donnerstag die Nominiertenliste für den Leipziger Buchpreis 2010 bekanntgegeben wird, dürfte Helene Hegemann mit ihrem nicht mehr nur allseits umjubelten, sondern inzwischen höchst umstrittenen Roman „Axolotl Roadkill“ weiterhin zu den fünf Anwärtern im Bereich der Belletristik zählen. Was auch bedeutet, dass uns der „Fall Hegemann“ noch mindestens bis zur Mitte März stattfindenden Leipziger Buchmesse erhalten bleibt. Von „Axolotl Roadkill“ wird dann wirklich jeder Nebensatz, jede noch so belanglose Äußerung aufs Genaueste untersucht worden sein: original oder geklaut?

Doch die Hegemann-Debatte geht inzwischen weit über den Plagiatsvorwurf hinaus. Vorwürfe wie Verletzung der Aufsichtspflicht, gar „Kindsmissbrauch“ („Süddeutsche Zeitung“) stehen im Raum. Der Kulturbetrieb insgesamt wird an den Pranger gestellt, gipfelnd in einer spekulativen Abrechnung in der „FAZ“, nicht die 17-Jährige habe ihren Roman geschrieben (und montiert), „sondern das Kulturestablishment selber“. Und wenn schon nicht dieses, könnte doch wenigstens der Vater Carl Hegemann, im Hauptberuf Dramaturg, „ihr solche Stellen hineingeschrieben“ haben.

Mal abgesehen davon, dass letzteres ziemlich durchgeknallt bis infam ist: Es fällt auf, dass besagte Debatte in denselben Medien geführt wird, in denen Hegemanns Roman vorher gefeiert wurde. „Literatur, die nicht trotz, sondern wegen ihrer Härte, Brutalität und Vulgarität schön ist.“, begeisterte sich die „FAZ“. Wer im Glashaus sitzt, wirft eben doch gern ein paar Steine.

Noch auffälliger ist, dass der Schutz, in den Helene Hegemann nun genommen, die Opferrolle, in die sie jetzt geschubst wird, auch schon wieder etwas Altväterliches und gönnerhaft Hochnäsiges hat. Ganz nach der Devise: Denn sie wusste nicht, was sie tat. Armes Mädchen, kann einem nur leid tun. Artikulier’ du dich erst mal, wenn du älter bist, vielleicht so alt wie Thomas Mann, als er mit knapp über zwanzig die ersten Buddenbrooks-Seiten schrieb.

Und wenn Helene Hegemann bislang weniger erlebt haben sollte, als „Axolotl Road“ nahelegt, ist sie jetzt dabei, einiges aufzuholen. Dem Kulturbetrieb sei Dank. Gerrit Bartels

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