Anhalter Bahnhof : Janz kolossal

Berlin, lässt der Regierende Bürgermeister im druckfrischen „Kulturförderbericht 2011“ verlauten, Berlin gilt heute als „Rom der Zeitgeschichte“. Das ist doch mal eine gute Nachricht – Spree-Athener mag man sich in diesen Tagen ja nur noch ungern nennen lassen. Den Vergleich mit Rom aber, den lassen wir uns gerne gefallen. Auch wenn alle Wege, die angeblich dorthin führen, längst zu uns umgeleitet worden sind. Bei den Touristenzahlen liegen wir (noch!) hinter London und Paris, aber vor Rom.

Mag Italiens Kapitale die Ewige Stadt sein, die città eterna, wir sind die ewig im Werden begriffene Hauptstadt. Auf den Ruinenfeldern der Utopien des 20. Jahrhunderts erblühten hier stets sofort neue Ideen. Die besten davon waren zumeist kultureller Art – weshalb auch mehr als zwei Drittel der jährlich neun Millionen Besucher die Berliner Szene als wichtigsten Reisegrund benennen.

Den Stolz der Einheimischen auf diesen geistigen Reichtum will nun der in trockenstem Beamtendeutsch verfasste „Kulturförderbericht“ anfachen: 845 Millionen Euro fließen pro Jahr in die Berliner Kulturlandschaft, fast die Hälfte davon steuern senatus populusque berlinensis bei, 120 Millionen immerhin die chronisch klammen Bezirke. Satte 340 Millionen wiederum spendiert der Bund. Davon können wir uns 200 Museen und Ausstellungshäuser leisten, die per anno rund sieben Millionen Menschen anziehen, sowie 75 Bibliotheken (mit neun Millionen Besuchern). 27 Bühnen werden gefördert, fünf Sinfonieorchester. 300 freie Theatertruppen kämpfen um acht Millionen Euro staatliche Fördergelder. Man mag über den Stil von Claudius pauper autem delicatus denken, was man will. Seit Wowereit die Stadt regiert, ist es unter Kulturschaffenden immerhin aus der Mode gekommen, Auftritte im Abgeordnetenhaus mit den Worten einzuleiten: „Die Todgeweihten grüßen dich!“

Zweieinhalbmal so hoch wie im Bundesdurchschnitt ist der Künstleranteil der hiesigen Bevölkerung, hier – und nicht im geschichtssatten Rom – wurde die „Lange Nacht der Museen“ erfunden. Es gibt 470 private Galerien, 300 Buchhandlungen, 400 ortsansässige Verlage, 1200 Laienchöre, die 30 000 Klein- und Kleinstunternehmer der Kreativindustrie erwirtschaften mit 160 000 Beschäftigten 22 Milliarden Euro im Jahr. Lediglich in einem Punkt werden wir Italiens Hauptstadt nie überholen können: Der liebe alte Kalauer „Lesen Sie mal Roma rückwärts!“ funktioniert mit dem Namen Berlin leider nicht. Frederik Hanssen

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