Anhalter Bahnhof : Klassik aus Eimern

Klassik ist ja so krass. Mit einer Puccini-Arie kann man jetzt sogar bei den einschlägigen TV- Casting-Shows punkten. Sofort bekommen die Jurymitglieder feuchte Augen und winken den stimmgewaltigen Kandidaten durch in den Recall. So geschehen und gesehen bei den aktuellen Staffeln von „Popstars“ wie auch von „X- Factor“, wo den fachfremd singenden Exoten überraschend viel Sendezeit spendiert wurde.

1,93 Millionen Zuschauer haben sich im ZDF die Aufzeichnung des Wuhlheide-Konzerts von Geiger-Model David Garrett angeschaut, die als Opern- Diva vermarktete Waliserin Katherine Jenkins wird im Oktober bei ihrer Deutschlandtournee die Hallen füllen, auch wenn sie noch nie auf einer echten Musiktheaterbühne gestanden hat. Und den sowieso auf allen Kanälen dauerpräsenten Wunderpianisten Lang Lang gibt es jetzt auch als 3-D-DVD, live aus dem Berliner Berghain. Nichts scheint derzeit so angesagt für den kleinen Emotionshunger zwischendurch wie Mozart, Verdi und Co.

Wer jetzt jubelt, die Klassik sei endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, erliegt allerdings einer schönen Illusion. Denn in ihrem Kern ist und bleibt das Stammpublikum dieser Kunstform klein, mit altersbedingt eher schrumpfender Tendenz. Das Genre franst nur immer mehr aus – und feiert erstaunliche Erfolge an den Rändern. Open-Air-Spektakel allerorten und Rolando Villazon bei Thomas Gottschalk, Yellow Lounges, verrockte Klassik und verklassikter Rock wie jüngst bei Sting, Bach trifft Breakdance, William Orbit sampelt Wunschkonzerthits.

Doch das alles wird kaum dazu führen, dass sich dauerhaft der Kreis jener erweitert, die Bruckner-Sinfonien oder Wagner’sche Musikdramen als Genuss empfinden. Wer seinen ersten Rotwein aus dem Sangria-Eimer geschlürft hat, wird ja später auch nicht automatisch zum Bordeaux-Spezialisten.

Im Idealfall wird der aktuelle Klassik- Boom dazu führen, dass sich zwei parallele Märkte bilden, wie man das aus der U-Musik kennt: Hier die „Hitparade der Volksmusik“ für die Massen, dort Geistesgrößen à la Dylan, Björk oder Brian Eno für die Wissenden. Jim Rakete, der legendäre Porträtist der Rockszene, hat die Pop-Klassik-Barriere jetzt schon übersprungen. Er hat die Berliner Philharmoniker für ihre aktuelle Saisonbroschüre fotografiert und dabei festgestellt: „Das ist die coolste Band der Welt!“ Frederik Hanssen

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