Anhalter Bahnhof : Klassik sticht

Anhalter Bahnhof

Kaum ist Berlins Sommerloch-Festival „Young Euro Classic“ am Gendarmenmarkt beifallsumtost verrauscht, da geht die hauptstädtische Klassiksaison auch schon mit voller Macht los: heute die „Carmen“-Schlöndorff-Premiere am Wannsee, Freitag das offizielle Antrittskonzert des neuen Konzerthausorchester-Chefs Ivan Fischer. Kommende Woche sind dann auch die Philharmoniker wieder da, am 31. August startet das „Musikfest Berlin 2012“ – und an der Komischen Oper wie der Deutschen Oper brennen Barrie Kosky respektive Dietmar Schwarz bereits darauf, endlich zeigen zu können, was sie als Intendanten drauf haben.

Aber nicht nur in Berlin, überall in deutschen Landen erlebt die Klassik derzeit einen Boom. Gerade hat der Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft von der Gesellschaft für Konsumforschung ermitteln lassen, dass Oper, Operette und Sinfoniekonzerte mittlerweile den Löwenanteil des Live-Musikmarktes ausmachen. 14,1 Prozent der Bevölkerung gaben an, 2011 ein Ticket für Pop- oder Rockkonzerte gekauft zu haben, 15,5 Prozent aber zogen die Klassik vor. 823 Millionen Euro wurden im vergangenen Jahr mit dem Verkauf von Eintrittskarten für Oper und Konzerte verdient, das entspricht einer Steigerung von 32 Prozent gegenüber 2009. Sogar das schon tausendmal totgesagte Abonnement erlebt eine Renaissance, wie die Deutsche Orchestervereinigung freudig vermerkt: „Wer mehrere Veranstaltungen im Paket kauft, bekennt sich deutlich zu seinem örtlichen Orchester und zeigt sich ihm auch emotional verbunden.“ Du glückliche Kulturnation Deutschland!

Klassikkünstler sind aber auch attraktiver denn je. Nicht nur die Hochglanzdiven, die Anna Netrebkos und Elina Garancas, nicht nur telegene Medienlieblinge wie Jonas Kaufmann oder Rolando Villazon machen was her – nein, selbst in der Provinz findet man nicht mehr die Elli Pirelli, die einst Udo Lindenberg mit Grausen besang („Beine wie Säulen, Arme wie Keulen“), sehen die Künstler auf den Bühnenbrettern mittlerweile fast immer aus wie frisch fürs Fernsehen gecastet.

Vielleicht ist die Klassik ja auch nur das neue Tattoo. Die geht ja ebenfalls unter die Haut. Vor ein paar Jahren noch wollte sich jede potenzielle Bundespräsidentengattin am liebsten ein Arschgeweih stechen lassen. Jetzt sind bei den Massen Arien und Sinfonien in Mode. Einen Vorteil allerdings haben Beethoven, Mozart, Verdi gegenüber der Hautpunktierung. Bei nachlassendem Interesse wird man sie leichter wieder los. Frederik Hanssen

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