Anhalter Bahnhof : Kunst kommt von Reisen

Sie bleibt immer in Bewegung, die Community internationaler Sammler, Kuratoren, Kritiker. Nächste Woche eröffnet die 55. Biennale in Venedig. Fein abgepasst beginnt kurz darauf die Kunstmesse in Basel, damit der Tross dort auch noch schnell vorbeischaut. Doch damit ist es längst nicht mehr getan. Die Biennalen sprießen nur so aus dem Boden. Wenige Wochen nach Venedig starten die Biennalen in Lyon und Istanbul, Schlag auf Schlag. Die Organisatoren haben Shuttles von einer Stadt zur anderen geplant, damit es auch jeder schafft. Anfang Juni lädt Nicolas Berggruen internationale Kunstreisende zu einem großen Dinner nach Berlin, um ihnen das wiedereröffnete Berggruen-Museum in Charlottenburg vorzuführen.

Wer sein Ticket, sein Quartier in den großen Kunststätten dieses Sommers noch nicht sicher hat, könnte angesichts der umfassenden Wanderungsbewegungen nervös werden. Nicht so in Berlin. Während alle Welt ausschwärmt, um sich in anderen Weltgegenden wieder zu begegnen und dort Kunst zu konsumieren, können die Berliner ruhig bleiben und warten. Irgendwann kommt die Kunst zu ihnen – wenn sie nicht schon hier ist.

Viele der Künstler, die in Venedig, Lyon oder Istanbul ihre Werke ausstellen, leben in Berlin. Etwa der Albaner Anri Sala, der im Deutschen Pavillon in den Giardini di Venezia zu sehen sein wird. Er hat hier sein Atelier. Allerdings wird er im Deutschen Pavillon die Grande Nation Frankreich vertreten, während die Bundesrepublik im französischen Pavillon ausstellt. Mit dem Austausch soll der Geburtstag der deutsch-französischen Freundschaftsverträge in der Kunstszene zelebriert werden.

Aus der Distanz nehmen sich solche Verrenkungen merkwürdig aus. Ist die Kunst nicht sowieso international, egal wo? Der daheimgebliebene Berliner braucht sich nur in die U-Bahn zu begeben, um Maria Lassnig zu bewundern, die in diesem Jahr in Venedig mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk gewürdigt wird. Die 93-jährige Malerin aus Österreich hat derzeit eine Ausstellung in der Galerie Capitain Petzel, Karl-Marx-Allee.

Die Istanbul-Biennale übertrifft alle und schickt eine Vorauswahl nach Berlin. Ab 25. Mai wird im Kunstraum Tanas, den eine private türkische Stiftung finanziert, ein „Prolog“ zur Hauptschau zu sehen sein. Das erinnert an die Tour de France, die auch schon mal in Berlin zu Gast war und 2012 ihren Prolog in Belgien herunterradelte. Auf dem Kunstmarkt ist Doping allerdings nicht verboten, sondern unbedingt erwünscht. Nicola Kuhn

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