Anhalter Bahnhof : Leck im deutschen Film

Der Leak ist das Glücksspiel der digitalen Zeit. Ob die Enthüllung zum Jackpot wird, entscheidet sich stets daran, ob der Leak empört oder langweilt. Im Fall NSA leakt es seit acht Monaten wie aus einem tropfenden Wasserhahn, doch so richtig nass gemacht wurde bisher keiner. Im Fall Hollywood hingegen plätscherte ein Drehbuch von Quentin Tarantino vorschnell an die Öffentlichkeit – worauf der Regisseur seine Idee zum Western „The Hateful Eight“ wutschnaubend in die Schublade zurückstopfte und ein anderes Projekt hervorholte.

Funktioniert diese Form der Filmbeförderung auch im deutschen Kino? Was werden wir alles versäumen! Ein Glück, dass dem Tagesspiegel wenige Tage vor Beginn der Berlinale einige vielversprechende Drehbücher und Plots zugespielt wurden!

Da ist das Team-Projekt von Til Schweiger und Michael „Bully“ Herbig, ein witzig-romantisch-fühliges Veteranendrama. Bei einem Einsatz kommt der Afghanistansoldat Max (großartig: Schweiger!) ums Leben. Als invalider Schutzengel kehrt er auf die Erde zurück, um dem tollpatschigen Torben (Herbig) zur großen Liebe zu verhelfen. Schweiger hat im Drehbuch vermerkt: „Abchecken, ob Titel ,Keinarmbuddy’ Gutmenschen stören könnte ...“

Auch der kommende Film von Christian Petzold wurde bereits geleakt. Nach dem „Berliner Schule“-Kollegen Thomas Arslan will sich auch Petzold an einem Western versuchen. Nina Hoss spielt eine Apachentochter, die in einer Kaktusbrennerei arbeitet. Dann kommt der Cowboy Lonegold (Tobias Moretti), der eine Kutschenladung Kaktusschnaps ordert. Erzählt wird der Film aus der Perspektive eines Gürteltieres, das sein Erdloch neben der Brennerei gegraben hat. Vorläufiger Filmtitel, nach „Yella“ und „Barbara“: „Tequila“.

Auch aus den Schubladen ans Licht kam der nächste Film von Matthias Schweighöfer. Das Ausnahmetalent wird dabei mehrere Aufgaben übernehmen: Regie, Produktion, Drehbuch und Hauptrolle in der Fortsetzung von „Fak ju Göhte“. Schweighöfer und Elyas M’Barek spielen in „In jur Fees Göbbls“ die Lehrer Zeki Müller und Zaki Schmidt, die mit einer neunten Klasse die deutsche Nazigeschichte behandeln. Zum actionreichen Höhepunkt organisieren Zeki und Zaki einen Feuerzeug-Flashmob im Druckhaus eines Schulbuchverlags.

Die Veröffentlichungen haben bei den Regisseuren einigen Unmut hervorgerufen. Bei Til Schweiger ist zu vermuten, dass er künftig alle seine Filme vom Fan-Votum abhängig macht: ein Leak für einen Like. Marc Röhlig

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar