Anhalter Bahnhof : Männer, die vom Himmel fallen

Daniel Craig kennt keine Höhenangst, Felix Baumgartner ist der Superstar der Stratosphäre und das Christentum feiert an Allerheiligen seine Märtyrer-Topstars: Unsere Kolumnistin Christiane Peitz über bewegende Zeiten.

Felix Baumgartner beim Absprung. Er durchbrach als erster Mensch die Schallmauer und stellte damit einen Weltrekord auf.
Felix Baumgartner beim Absprung. Er durchbrach als erster Mensch die Schallmauer und stellte damit einen Weltrekord auf.Foto: dapd

Man kann sich nicht mehr retten vor diesen Typen. Sie kennen keine Höhenangst, steigen hoch hinauf und fallen tief, je tiefer, desto besser. „Skyfall“ heißt der neue Bond, ab heute in den Kinos, mit einem Daniel Craig, der alles andere als festen Boden unter den Füßen hat.

In zwei Wochen folgt die Verfilmung des „Cloud Atlas“-Romans, mit Zeiten- und Weltenwanderungen, dass einem schwindlig werden kann vor lauter Überwindung der Schwerkraft, respektive des guten alten Erzählregelwerks. Eins nach dem anderen und immer schön auf dem Teppich bleiben? Das war einmal.

Dass so mancher Held von heute die Welt gern im Flug nimmt, hat vielleicht etwas mit dem wieselflinken Internet zu tun, jenem virtuellen Universum, dem die Trägheit irdischer Masse naturgemäß fremd ist. Die Männer, die vom Himmel fallen, wissen dabei um die Kamikazegefahr.

Felix Baumgartner, der Superstar der Stratosphäre, ist anders als Ikarus, der naiverweise ignorierte, dass seine Flügel an der Sonne Feuer fangen könnten. Baumgartner hatte vor seinem Höhenrekord die eigene Todesnachricht autorisiert, für alle Fälle.

Heute ist Allerheiligen, ein Feiertag in den katholischen Regionen der Republik, morgen folgt Allerseelen. Nach altem Volksglauben findet die Seelenwanderung an diesen Tagen ebenfalls in der Vertikalen statt: Die gequälten Insassen des Fegefeuers steigen nach oben, um sich auf Erden einen Tag lang von ihrer Pein zu erholen und die erhitzten Glieder und Gemüter zu kühlen. Deshalb sprengen die Gläubigen Weihwasser auf die Gräber, dann geht’s wieder ab in die Tiefe. Sehr tapfer!

Dem offiziellen Kirchenkalender zufolge werden am 1. November alle Heiligen geehrt, die Märtyrer-Topstars genauso wie die namenlosen Aktivisten des Christentums, ein gigantischer Helden-Atlas. Das Gesetz schreibt vor, dass an diesem sogenannten stillen Feiertag keine laute Musik gehört und nicht getanzt werden darf. Die Piratenpartei will das gern ändern. Weil der Tanz von allen menschlichen Gangarten die himmlischste ist?

Weil’s so schön ist, gleich noch ein Luftsprung: „Bricht vor Allerheiligen der Winter ein, herrscht um Martini Sonnenschein“, prophezeit eine Bauernregel all jenen, die sich vor Novemberkälte fürchten. Martini, genau, damit wären wir wieder bei 007 und seinem Lieblingsgetränk. Besonders schwindelfreie Assoziationsvirtuosen können jetzt noch Felix Baumgartners Empfehlung einer „gemäßigten Diktatur“ mit dem aktuellen Rummel um Rommel kurzschließen. So ist das im freien Fall: Die Welt wird vollends durchgeschüttelt und keiner kommt hinterher.

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