Anhalter Bahnhof : Njet ist nicht nett

Anhalter Bahnhof

Es gibt für Opernsängerinnen verschiedene Möglichkeiten, sich unbeliebt zu machen. Da ist zum einen der klassische Primadonnen-Paukenschlag während der Proben: Der Handrücken fliegt an die Stirn, die Augen verdrehen sich gen Himmel: „So kann ich nicht arbeiten! Ich reise ab!“

Andere Diven erscheinen gar nicht erst zur vereinbarten Probephase. Als die Chicago Opera den Vertrag mit Angela Gheorghiu nach wiederholter Schwänzerei aufkündigte, erklärte die Rumänin, durch ihren Rauswurf habe die Welt immerhin erfahren, dass es in Chicago ein Musiktheater gebe.

Man kann es aber auch so machen wie Anna Netrebko: erst eine Serie von „Don Giovanni“-Vorstellungen an der Berliner Staatsoper zusagen und sich dann, wenn alle Tickets verkauft sind, unter fadenscheinigen Gründen wieder zurückziehen. „Nach einem sehr arbeitsreichen Jahr will sich Frau Netrebko ihrem Sohn Tiago widmen.“ Wie liebevoll! Das arme dreijährige Würmchen sieht seine Eltern ja kaum, weil ja auch Papa Erwin Schrott ständig auf den Bühnen der Welt auftreten muss! Komisch nur, dass sich Netrebkos mütterliches Betreuungsbedürfnis auf die Tage vom 24. Juni bis zum 6. Juli beschränkt, an denen der Hauptstadt- „Giovanni“ programmiert ist. Für den 19. und 22. Juni ließ sie sich dagegen noch von der Mailänder Scala engagieren – nach ihrer Berliner Absage. Auch wenn Anna Netrebko nun tatsächlich krank geworden ist und ihre Italien-Auftritte streichen musste – einen guten Eindruck macht das nicht.

Zumal der wahre Grund für die Berlin- Abstinenz woanders zu suchen ist. Die bekannteste Opernsängerin der Welt hat Angst, sich im Schiller-Theater die Haxn zu brechen. Claus Guths von den Salzburger Festspielen übernommene Produktion spielt nämlich im Wald: Es ist dunkel, überall ragen Erdwurzeln aus der hügeligen Dekoration, die Drehbühne ist ununterbrochen in Aktion. Wer hier auftritt, trägt das Risiko eines Arbeitsunfalls. Das trägt nun Maria Bengtsson.

Liebe Fans, die ihr vor Wut schäumt: An der Staatsoper haben sie euch gesagt, eine Umbesetzung ist kein Grund, um Tickets zurückzunehmen. Weil eine Oper mehr ist als nur ein Star. Sondern das Gemeinschaftswerk vieler toller Künstler. Sie haben recht. Frederik Hanssen

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